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Deutschland ist für Ricardo Restrepo "wie eine Festung": kalt, abweisend und schwer einnehmbar. Der 24-jährige Kolumbianer hat eine wahre Odyssee durch Botschaften, Ausländerbehörden und Anerkennungsstellen hinter sich – nur um hier studieren zu können. Die deutschen Unis, sagt Restrepo, hätten einen besseren Ruf, in seiner Heimat ist er mit den Studienbedingungen unzufrieden. Und natürlich hofft er auf einen Job nach dem Studium.

Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Viele ausländische Studienbewerber, vor allem aus Nicht-EU-Ländern, müssen große Hürden überwinden, wenn sie in Deutschland studieren wollen. Probleme gibt es oft mit der Anerkennung von Schulabschlüssen und Studienleistungen sowie mit Visa.

Drei Jahre hat es gedauert, bis Ricardo Restrepo endlich in Bremen Design studieren durfte. Eine harte Zeit, in der er oft daran gedacht habe aufzugeben. Der junge Mann kam 2010 als Au-pair nach Bayern, er wollte sein Deutsch verbessern und dann ein neues Studium beginnen. "Ich habe in Kolumbien bereits vier Semester Architektur studiert", erzählt er, "doch in Deutschland wurde nicht einmal mein Schulabschluss anerkannt." In der Anerkennungsstelle für ausländische Zeugnisse in München sagte man ihm, er müsse zunächst ein Jahr auf ein Studienkolleg gehen, um sich in Deutschland für ein Studium zu qualifizieren.

Das machte er, zähneknirschend, finanziell unterstützt von seiner Au-pair-Familie. Dann die nächste Hürde: "In der Ausländerbehörde sagten sie mir, dass ich bei der deutschen Botschaft in Bogotá ein Studienbewerbervisum beantragen kann." Es ist drei Monate gültig, Zeit genug, um sich in Deutschland um einen Studienplatz zu kümmern. Restrepo reiste, da sein altes Visum zwischenzeitlich abgelaufen war, zurück nach Kolumbien. Um dort zu erfahren, dass es ein Studienbewerbervisum nicht gibt. Eine Falschinformation. Ricardo Restrepo musste dann für das Bewerbungsverfahren und die Auswahlgespräche wieder nach Deutschland. Nur durch die Hilfe eines deutschen Freundes und dessen Vater, der für ihn bürgte, gelang es dem Kolumbianer schließlich, ein Studentenvisum zu erhalten. "Meine Hoffnungen wurden oft enttäuscht", sagt er, "ich glaube, Deutschland will nur reiche ausländische Studenten."

Das stimmt nicht, zumindest nicht offiziell. Seit Jahren beklagen Politik und Wirtschaft einen immer größer werdenden Fachkräftemangel. In Deutschland fehlen mindestens 50.000 Ingenieure und Naturwissenschaftler. Spätestens von 2020 an sollen die Studentenzahlen in Deutschland aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge sinken, deshalb werden bereits jetzt Studenten mit großem Aufwand aus dem Ausland angeworben. 2013 kamen etwa 220.000 Ausländer zum Studium nach Deutschland, die meisten aus China, gefolgt von Russland, Österreich und Bulgarien. Sie wollen vor allem nach Deutschland, weil es hier bessere Berufschancen gibt, zeigt eine Befragung des Deutschen Studentenwerks.

Doch der Aufwand für den einzelnen chinesischen, russischen oder kolumbianischen Studenten ist immens. Nikita Galbay etwa hat bisher über 600 Euro allein für Beglaubigungen und Übersetzungen von Zeugnissen und Dokumenten ausgegeben. Noch studiert er an der renommierten Lomonossow-Universität in Moskau, doch sein Studium in Russland will er aufgrund der schlechten Studienbedingungen abbrechen und in Deutschland fortführen. Das Problem ist: Fast keine seiner erbrachten Leistungen werde in Deutschland anerkannt, sagt er. Er müsste sein Bachelorstudium komplett neu beginnen. "Nicht einmal die für ein Anglistikstudium nötigen Englischkenntnisse werden mir zugetraut – obwohl ich Anglistik studiere", sagt der 19-Jährige, "ich muss sogar einen Einstufungstest machen."

"Allein hätte ich das nie geschafft"

Die deutschen Hochschulen und Behörden trauen den ausländischen Zeugnissen und Leistungsnachweisen meist nicht. "Im Normalfall nimmt man in Deutschland immer an, dass ein ausländischer Schulabschluss nicht dem Niveau des Abiturs entspricht", sagt Dieter Janssen, der an der RWTH Aachen die Abteilung Zugang und Soziales leitet. In der Vergangenheit kam es durchaus vor, dass gefälschte Unterlagen vorgelegt wurden. Deshalb gibt es beispielsweise für chinesische Studienbewerber seit 2001 schon eine Akademische Prüfstelle in Peking bei der Deutschen Botschaft. Dort werden vorab die Unterlagen geprüft und halbstündige Interviews sowie ein Test für ausländische Studierende (TestAS) durchgeführt, ein standardisierter Studierfähigkeitstest. Von manchen deutschen Unis wie etwa der TU Darmstadt und der TU Clausthal reisen regelmäßig Professoren für Auswahlgespräche nach China. Das alles hat dazu geführt, dass die Zahl der chinesischen Studenten stark gestiegen ist und diese in Deutschland nicht mehr so große Probleme haben. Der TestAS kann auch an anderen Botschaften und Goethe-Instituten weltweit gemacht werden. Noch wird er allerdings nicht von allen Hochschulen anerkannt.

"Ich bezeichne es gerne als Prozessschwäche", sagt Hilka Leicht. Sie ist Vizepräsidentin des Berlin International College, einer Agentur, die ausländischen Studenten gegen Bezahlung bei Zulassungshürden in Deutschland hilft – insbesondere für ingenieurwissenschaftliche Studiengänge. "Die studentische Sicht wird bei den Verwaltungen oft nicht beachtet." Ihrer Meinung nach sind die deutschen Behörden, auch im Vergleich etwa zu Großbritannien oder den Niederlanden, zu starr und zu unbeweglich. Sie kritisiert vor allem bürokratische Hürden und zeitliche Probleme, etwa dass die Bewerbung an deutschen Hochschulen drei Monate vor Studienbeginn erfolgen muss, der Visumprozess in der Regel aber fünf Monate dauert. Auch ein von vielen Universitäten gefordertes technisches Vorpraktikum sei in Nicht-EU-Ländern häufig nicht möglich.

Isabelle Kappus, Leiterin der Servicestelle Interkulturelle Kompetenz des Deutschen Studentenwerks, sieht vor allem finanzielle Probleme als größte Hürde. Ausländische Studenten müssen, um ein Studentenvisum zu bekommen, einen Nachweis erbringen, dass sie sich während ihres Studiums in Deutschland selbst finanzieren können. Dafür müssen sie jährlich 8.040 Euro auf einem Sparkonto hinterlegen oder eine entsprechende Bürgschaft nachweisen. Problematisch sei nach Kappus auch der individuelle Ermessensspielraum der Ausländerbehörden. "Es hängt oft davon ab, an wen man gerät", sagt sie.

Eine Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration aus dem Jahr 2012 zeigt, dass rund 40 Prozent der ausländischen Studenten in Deutschland diskriminierende Erfahrungen gemacht haben. Eine Befragung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) von internationalen Studenten im Rahmen ihres Stipendien- und Betreuungsprogramms zeigt, dass zwei Drittel der Befragungsteilnehmer bei der Vorbereitung auf den Studienaufenthalt in Deutschland mit Schwierigkeiten konfrontiert waren. 

Drei Viertel der Abschlüsse werden anerkannt

Am häufigsten betroffen waren Personen, die für die Einreise nach Deutschland ein Visum benötigten. 40 Prozent der Teilnehmer war es schwergefallen, den Nachweis der finanziellen Mittel für die Beantragung des Visums zu erbringen. Außerdem erwies sich für 28 Prozent der Befragten der Nachweis von Deutschkenntnissen als große Hürde, genau wie für 22 Prozent die Anerkennung von bereits erbrachten Studienleistungen.

Der DAAD fordert daher eine Reform des Hochschulzugangs für Ausländer. Der Studieneinstieg in Deutschland müsse einfacher und transparenter, die Vorbereitung besser geregelt werden, so eine Sprecherin. Die derzeitigen deutschen Regelungen berücksichtigten nicht die tatsächliche Studierfähigkeit einzelner Bewerber, sondern ausschließlich die "durchschnittliche Leistungsfähigkeit des Schulsystems anderer Länder". Laut DAAD sei daher ein Modell anzustreben, das die "grundsätzliche Eignung" feststellt. Dabei könne auf bestehende Angebote zurückgegriffen werden, etwa den TestAS.

Das Bundesinnenministerium erklärt auf Anfrage, dass nach den aktuellen Regelungen keine "überzogenen Anforderungen im Visumverfahren" gestellt würden. "Vielmehr werden lediglich die Mindestvoraussetzungen für die ordnungsgemäße Durchführung eines Studiums verlangt", so das Ministerium. Weitere Erleichterungen seien derzeit nicht geplant. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) verweist auf die bereits erreichten Fortschritte. Es habe gegenüber 2009 in einigen Bereichen "deutliche Verbesserungen und Erleichterungen" für ausländische Studierende gegeben.

So wurden etwa 2012 drei Viertel der ausländischen Hochschulabschlüsse anerkannt, 2009 waren es nur 60 Prozent. Außerdem sei der Anteil jener Studenten deutlich gestiegen, die sich "zufrieden" zeigten mit Informationen zu Aufenthaltsrecht und Finanzierung sowie mit der Hilfe im Umgang mit Behörden.

Ricardo Restrepo jedenfalls ist nicht zufrieden. "Allein hätte ich das nie geschafft", sagt der Kolumbianer. Er ist sich sicher, dass die deutschen Behörden und vor allem die Botschaften im Ausland eher das Ziel verfolgen, Leute gar nicht erst nach Deutschland zu lassen.