Wer die David-Bowie-Ausstellung im Gropius-Bau betritt, wird von einem Bühnenkostüm des japanischen Designers Kansai Yamamoto begrüßt. Mit seinen weit geschnittenen Beinen und schwarz-weißen Streifen erinnert es an einen dramatisch geäderten Falter. Der sichtliche Einfluss des Kabuki-Theaters war Bowie gerade recht, der nicht wusste, ob er Buddhist oder Rock-’n’-roll-Star werden sollte. Die von ihm gegründete "Gesellschaft zur Bekämpfung von Gewalt gegen langhaarige Männer" legt nahe, dass er sich als Teil einer bedrohten Spezies fühlte. Dafür qualifizierte ihn nicht nur seine exzentrische Bühnenpersönlichkeit, sondern auch eine Veranlagung zu suizidaler Paranoia in seiner Familie. "Aber ich hatte Glück", sagte er einmal, "ich war Künstler."

Auch Thomas Manns Doktor Faustus handelt mit Adrian Leverkühn von einem Komponisten, der das körperliche Gift der Syphilis und das seelische Gift des Außenseitertums in ein Werk umleitet. "Dass aus Bösem Gutes hervorgeht, nämlich große Musik", wie es der Germanist Eckart Goebel in einem Vortrag am Wissenschaftskolleg formulierte, ist eine allegorische Lesart des Romans. Goebels Vortrag konzentrierte sich auf den Subtext der deutsch-französischen Beziehungen, der im Motiv der Hetaera esmeralda, eines giftigen, brasilianischen Glasflüglers, gebündelt ist. Mit dessen Namen belehnt Leverkühn die Leipziger Prostituierte, der er seine "Französische Krankheit" verdankt. Gleich dem schwarzen Geäder in den transparenten Flügeln des Insekts wird der Roman durch die toxische Überblendung von Erotik, Musik und Schlüsseldaten der deutsch-französischen Beziehungen strukturiert.

In seinem Kabuki-Kostüm tritt David Bowie wie ein Revenant der Hetaera esmeralda auf. Das Gift, das ihm in seinen Berliner Jahren durch die Adern lief, war weißes Heroin. Unter diesem Einfluss verwandelte er sich selbst in ein Netz historischer Bezüge, plünderte den Bilderfundus der Geschichte für den Glamour des nächsten Auftritts: Stummfilm und Expressionismus, Erich Heckel und Jean Paul, Dorothys rote Schuhe aus dem Zauberer von Oz, J. G. Ballards Sci-Fi-Visionen, Kafkas Grotesken, Schlemmers Triadisches Ballett und die Paradeuniformen der Wiener-Walzer-Welt. "Er ist durch den ›Oxford Companion to Music‹ gewatet und hat das meiste davon auswendig gelernt", schrieb sein Agent. Was die Ausstellung im Gropius-Bau zeigt, ist ein so fieberhaftes wie ehrgeiziges Werk: Doktor Faustus mit anderen Mitteln.

Im Wissenschaftskolleg herrschten Gehstöcke, Tweedjacketts, über den Scheitel gekämmtes Haar und ergraute Locken vor. Altersdurchschnitt und philologische Neugier entsprachen in etwa dem des Gropius-Bau-Publikums. Zwei Designstudenten waren vor den "Zombies" an die frische Luft geflüchtet: Sie verstellten ihnen die Sicht auf die Exponate. Ihre Unterhaltung drehte sich ums Berghain, den legendären Klub, in den sich auch Bowie und Mann vor so viel Musealität gerettet hätten. In einem der vielen Artikel, die mit der Exegese dieses elektronisch beschallten Reservats für Nachtfalter beschäftigt sind, wurde der Lebenszyklus eines Nachtklubs mit dem eines Insel-Ökosystems verglichen: "Wenn es zu viel Zustrom gibt, wird es für die, die schon lange im Klub verkehren, schwieriger, den neu Hinzukommenden beizubringen, wie man sich zu verhalten hat." Die Schmetterlinge werden von easyJet-Herden verdrängt. Auf dem Parkett, so der Rolling Stone, "ein Mann mittleren Alters, der seine Genitalien gegen den Schenkel einer blonden Frau reibt und ihre Brust betastet, als wollte er den Reifegrad einer Melone prüfen".