"Ei, wir tun dir nichts zuleide / flieg’ nur aus in Wald und Heide!" Mit dieser unschuldigen Liedzeile lernen Kinder – leider – ein Märchen. Von wegen "Summ, summ, summ"! Das Bienchen kämpft heute ums Überleben, und die Verantwortung dafür trägt der Mensch. In den USA fiel fast ein Viertel aller Bienenvölker dem Massensterben zum Opfer. Wegen der Bedrohung für die Landwirtschaft kündigte Präsident Obama einen "Aktionsplan für Bestäuber" an.

Imker, Naturschützer, Agrar- und Chemieindustrie streiten über die Ursachen: Ist es die Betonierung von Wald und Heide? Die schwindende Blütenvielfalt? Die Varroa-Milbe? Ein Virus? (ZEIT Nr. 44/2011) Dabei wirkt alles zusammen. Insbesondere sollten die Fachleute Obamas und die Umweltbeamten der EU eine alarmierende neue Metastudie beachten. Darin identifizieren 29 internationale Forscher als wohl gefährlichste Bienenkiller: bestimmte Insektengifte.

Diese "Neonicotinoide" werden von Mais oder Raps direkt aufgenommen. Wenn ein Schädling dann zubeißt, attackieren die Wirkstoffe sein Nervensystem. "Systemische Pestizide" nennt man das. Bei ihnen, so argumentieren die Umweltforscher, genüge es nicht, allein die tödlichen Wirkungen zu untersuchen. Nervengifte reicherten sich oft jahrelang in Wasser und Böden an, deshalb müsse sich der Blick für chronische Schäden weiten. Diese könnten eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit der Bienen erklären; zudem das Verschwinden vieler anderer Insekten, Vögel und wirbelloser Lebewesen. Die Gifte gefährdeten Nützlinge für ganze Ökosysteme – nicht nur die Bienen, sondern auch Bodengetier, etwa die Regenwürmer.

Es sind keine Öko-Hitzköpfe, die wegen solcher Befunde den "Beginn eines globalen Ausstiegs" aus dem Einsatz von Neonicotinoiden fordern. Die Arbeitsgruppe berät die gediegene Weltnaturschutzunion, sie versammelt renommierte Experten unterschiedlicher Disziplinen. 800 Untersuchungen aus aller Welt hat sie zusammengetragen, diskutiert und bewertet. In der Zeitschrift Environmental Science and Pollution Research wird sie weitere Forschung fordern.

Auch deshalb dürfte die Industrie Einspruch erheben. Syngenta, Bayer & Co. drohen Milliardeneinnahmen bei ihren Verkaufsschlagern wegzubrechen. Sie liefen schon Sturm, als Brüssel letztes Jahr drei Präparaten für zwei Jahre Beschränkungen auferlegte (ZEIT Nr. 47/2013).

Doch in der EU gilt das Vorsorgeprinzip, und die langfristige Erosion ganzer Ökosysteme wiegt schwerer als noch so schmerzliche kurzfristige Gewinn- und Ernteverluste. Deshalb sollte zumindest der vorbeugende Einsatz der populären Gifte als "Beizmittel" in absehbarer Zeit verboten werden. Denn wo noch gar keine Schädlinge auftreten, kann man sie anders fernhalten: mit abwechslungsreichen Fruchtfolgen. Die nützen auch der Artenvielfalt und dem Boden, statt ihnen zu schaden.