Es scheint nur selbstverständlich, dass sich die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin über die Aufnahme des Klosters Corvey in die Weltkulturerbeliste der Unesco freut. Das berühmte Westwerk der Abteikirche gehört zu den schönsten und letzten Zeugnissen karolingischer Architektur, und gewiss hat Hannelore Kraft recht, wenn sie meint: "Mit der Auszeichnung des Klosters wird die reiche Kulturlandschaft Westfalens noch mehr internationale Aufmerksamkeit bekommen." Indes könnte man sich fragen, warum die Aufmerksamkeit, anstatt einen Moment auf Corvey zu verweilen, sogleich weiterziehen soll, und zwar noch nicht einmal zu weiteren Baudenkmälern der Region, sondern ins Ungefähre der Kulturlandschaft als solcher.

Tatsächlich hat Denkmalschutz nicht Priorität für Hannelore Kraft. Erinnert sich noch jemand an das Jahr 2013? Damals beschloss die Landesregierung, den Denkmaletat bis 2015 auf null zu bringen. In Baden-Württemberg, das eine ähnliche Zahl von Denkmälern besitzt, sind zur selben Zeit allein 24 Millionen als Sockel angesetzt worden. Erst nach weitläufigen Protesten wurde schließlich in Nordrhein-Westfalen ein Grundstock von 4,1 Millionen Euro zugestanden, davon 2,8 Millionen für die Bodendenkmalpflege und 1,3 für wichtige Sakralbauten. 1,3 Millionen Euro für die bedeutendsten Kirchen des Landes, das muss man sich einmal vorzustellen getrauen! Allein Corvey, wenn es ordentlich gepflegt und vielleicht für höhere Besucherzahlen eingerichtet werden soll, dürfte diese Summe, wahrscheinlich mehr, verschlingen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Freilich hat die Regierung auch zinsgünstige Darlehen für private Denkmalbesitzer in Aussicht gestellt, und hier könnte es die Ironie des Schicksals einmal gut mit dem armen, gebeutelten NRW meinen. Denn Corvey ist kein Landesbesitz; die Abteikirche (mit dem Westwerk) gehört der Gemeinde St. Stephanus und Vitus, und die gewaltige barocke Klosteranlage, die später zu einem Schloss wurde, gehört mit Grund und Boden dem Fürsten von Corvey, Viktor Herzog von Ratibor. Dieser hat sich auch sogleich zu der Verantwortung bekannt, wie sie sein Haus schon früher für Zustand und Zugänglichkeit der Anlage übernommen habe.

Indes wird es mit der Privatverantwortung für eine Welterbestätte nicht leicht werden. Die Politiker der Region, die von dem neuen Glanz etwas abbekommen wollen, haben sich schon in Stellung gebracht. Die öffentliche Hand steckt in einer Zwickmühle zwischen denkmalpflegerischem Geiz und politischer Geltungssucht, und der Herzog wird sich nicht für eine Handvoll Dollar in seinen Besitz hineinregieren lassen. Wer darin keinen Konflikt sieht, kennt den Machtanspruch der Politik noch nicht.