Die Deutschen sind so zufrieden wie nie. Genauer: so zufrieden wie seit der Einheitseuphorie 1990 und dem Internet-Hype 2000 nicht mehr. Das Volk der Nörgler und Schwarzseher, die Heimat von le waldsterben und schlechter Laune, sprüht plötzlich vor Lebensfreude. Selbst dann, wenn keine Mauer fällt und niemand der Illusion nachjagt, er könne anstrengungslos reich werden. Und am zufriedensten von allen ist eine Frau. Sie ist kerngesund, berufstätig, verheiratet und katholisch. Geld bedeutet ihr nicht viel, was auch daran liegen mag, dass sie in einer großen Wohnung in Hamburg lebt. Geld ist dann einfach da.

Dieses Porträt der zufriedensten Deutschen zeichnet eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Das IW hat die Lebenszufriedenheit der Deutschen anhand verschiedener Faktoren wie Arbeit, Gesundheit, Wohnung, Erwerbstätigkeit untersucht und über Altersgruppen, Regionen, Religionen und Bildungsschichten verteilt. Das Profil der lebensheiteren Hamburgerin ist dabei vergleichsweise erwartbar. Denn wer rechnet schon mit Lebenszufriedenheit bei einem ebenso gott- wie arbeitslosen Single-Mann Mitte 50, der in einer Einraumwohnung im Brandenburgischen vor sich hin kränkelt? Eben.

Das wirklich Überraschende an der Studie ist das Ausmaß, nein: geradezu das Übermaß deutscher Zufriedenheit. Wir, ausgerechnet wir, sollen plötzlich entspannt und happy sein? Wie das?

Wenn die Deutschen nur wüssten, warum sie so glücklich sind!

Der Grund dafür ist ebenso schlicht wie überraschend: Die Deutschen werden immer undeutscher. Das zeigt sich, wenn man drei Einflussfaktoren der Lebenszufriedenheit etwas genauer betrachtet, die Arbeit, das Alter und die Religion.

Zwar behaupten die Deutschen gerne, nichts sei für ihr Lebensgefühl so wichtig wie die Frage, ob sie einer geregelten Arbeit nachgehen. Und in der Tat ist die aktuell hohe Zufriedenheit eng an die Rekordzahl der Beschäftigten geknüpft. Allerdings: Die Deutschen zeigen sich besonders zufrieden, wenn sie zwischen 16 und 20 Jahre alt sind oder demnächst ihren 65. Geburtstag feiern. Geregelte Arbeit liegt da entweder noch vor oder bald hinter ihnen. Den fleißigen Deutschen treffen die Deutschen folglich vor allem in ihrem Selbstbild an, zur Arbeit selbst entwickeln sie ein zunehmend levantinisches Verhältnis: Sie ist insbesondere dann schön, wenn andere sie erledigen. Das macht aus verkrampften Deutschen zwar noch keine lässigen Südländer, einen wichtigen Schritt in ihrer Undeutschwerdung markiert es aber schon.

Nicht weniger widersprüchlich ist das Verhältnis der Deutschen zur Religion. Die Katholiken sind – auch das sagt die IW-Studie – mit ihrem Leben zufriedener als die Protestanten und beide zusammen deutlich glücklicher als die Atheisten. Nur an sich selbst zu glauben ist auf Dauer halt ein bisschen wenig. Und ein bisschen öde ist es auch. Wären die Deutschen noch die rationalen Effizienzmenschen, die das globale Klischee weiter in ihnen sieht, müssten sie die Kirchen stürmen, schließlich gibt es dort Zufriedenheit satt. Doch sie fliehen in Scharen. Eine lemminghafte Glücksflucht aber ist das mitnichten.

Die Deutschen leben heute in einem Land, das ihnen mitunter fremd vorkommt: Bauarbeiter finden Pläne für einen Großflughafen im Müll. Die schwäbische Hausfrau legt sich einen Wok zu. In Berlin begegnen einem die Menschen plötzlich mit mediterraner Freundlichkeit. Die Heimat von Gerd Müller, dem Bomber der Nation, tritt bei der Fußball-WM mit einer falschen Neun an – und die heißt auch wieder Müller, trägt aber die Rückennummer 13. Was soll das alles?

Deutschland ist ein bisschen irrational geworden, nicht mehr so berechenbar, so pünktlich, gründlich und verlässlich. Ein Land, in dem Katholiken zugleich komplett out und vollkommen zufrieden sein können. Ein Land, dessen Bürger endlich zufrieden sein können, weil sie keine Effizienzmenschen mehr sein wollen.