Wäre sie vielleicht doch die bessere Präsidentin gewesen? Viele Franzosen fragen sich das, und Ségolène Royal lässt die Frage offen: "Halten Sie sich nicht mit den alten Geschichten auf, und sagen Sie uns, was Sie ab jetzt anders machen werden!", herrschte die französische Umwelt- und Energieministerin am Montag einen führenden Bankvorstand ihres Landes an.

Es ging um die Finanzierung von Energiesparmaßnahmen privater Haushalte; die Banken blocken da bislang. Royal wirkte entschieden und durchsetzungsfähig – so wie Präsident François Hollande, ihr Exlebenspartner und der Vater ihrer vier Kinder, fast nie.

Umso größer ist heute Royals politischer Spielraum – und den nutzt sie. Die unterlegene Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten von 2007 leitete an diesem Tag in ihrem Amtssitz, dem 300 Jahre alten Pariser Hôtel de Roquelaure, die erste landesweite Konferenz zur französischen Energiewende. "Die Energiewende – ein neues französisches Energiemodell" – stand auf dem Schild an Royals Rednerpult.

Sie hat sich viel vorgenommen. Drei große Ziele legt das Energiewende-Gesetz fest, das Royal vergangene Woche im Ministerrat präsentierte: Reduzierung des Atomstromanteils von derzeit etwa 75 auf 50 Prozent im Jahr 2025, Reduzierung des Ausstoßes von Klimagasen um 40 Prozent bis 2030 und Halbierung des Gesamtenergieverbrauchs bis 2050. Das ist ein historischer Bruch mit der Atomenergiepolitik des Landes. Frankreich müsste bis 2025 mehr als 20 Reaktoren vom Netz nehmen, Deutschlands Atomausstieg verlangt heute nur noch die Stilllegung von 9 Reaktoren bis 2022.

Bisher lag in Frankreich das Gewicht auf der Erhöhung der Energieproduktion. Die Richtung bestimmte der größte Elektrizitätskonzern der Welt: Électricité de France (EDF) mit seinen 59 Reaktoren. Doch dieser seit Jahrzehnten nahezu geräuschlos arbeitende Motor des französischen Atomstaats steht jetzt vor einer neuen Herausforderung. Achtung, Frauenpower!

Royal mischte bei ihrem Auftritt Strenge mit Charme. "Die Energiewende ist eine Bewegung", verführte sie ihr handverlesenes Publikum. Sogar die Bankmanager applaudierten.

"Royal ist ein politisches Alphatier. Wenn sie etwas will, findet sie die Mittel", sagte am gleichen Tag weit weg in dem Provinzstädtchen Tarare im grünen Beaujolais der französische Öko-Vordenker Marc Jedliczka, ein Autodidakt und Selfmademan von Anfang 50. Gerade hatte er vor Lokalpolitikern seiner Region über das gleiche Thema wie Royal in Paris gesprochen: Energiewende heißt auf Französisch transition énergétique – dieser Begriff stammt von Jedliczka. Seine Idee startete ihren Siegeszug vom Cover eines Buches aus, das Jedliczka im Jahr 2011 über die Optionen für einen französischen Atomausstieg geschrieben hatte. Zum ersten Mal erklärte jemand das in Frankreich bisher Undenkbare anhand detaillierter Modelle für denkbar: ein Leben ohne Atomkraft. "Ich lebe seit 30 Jahren ohne EDF", erklärte Jedliczka. "Aber noch vor drei Jahren konnte kein Franzose mit den Begriff Energiewende etwas anfangen."

Jetzt reden alle von der Energiewende. Was sonst hätte die bislang so erfolglose Regierung Hollande vorzuweisen? Die Pariser Konferenz fand enormen Zuspruch. "Die Mobilisierung ist extrem groß", sagte die Generaldirektorin des französischen Bankenvereins, Marie-Anne Barbat-Layani.