Ausgerechnet Ypern. Im Westen Flanderns, dort, wo im Ersten Weltkrieg so viele blutige Schlachten stattfanden, beginnt an diesem Donnerstag ein Gipfel, der die europäische Politik verändern wird. Der Konflikt mit Russland wird eine neue, gefährlichere Dimension erreichen. Die EU wird einen neuen Kommissionspräsidenten bekommen. Die Wirtschaftspolitik wird sich ändern. Und der Austritt Großbritanniens aus der Union wird wieder ein wenig wahrscheinlicher werden.

Es ist ein symbolträchtiger Ort, an dem sich die 28 Staats- und Regierungschefs treffen: In Ypern kämpften Briten und Franzosen gegen die deutschen Truppen, mehr als eine halbe Million Soldaten fiel. Eigentlich ist Ypern heute ein Schauplatz der Versöhnung. Nun aber wird dort eine wichtige politische Partnerschaft zu Ende gehen: die Verbindung zwischen David Cameron und Angela Merkel.

Der britische Premierminister und die deutsche Kanzlerin haben sich in den vergangenen Jahren viel Mühe miteinander gegeben. Sie haben einander besucht und zusammen DVDs geschaut. Midsomer Murders, eine britische Krimiserie (auf Deutsch Inspector Barnaby), angeblich mag Merkel sie gerne. Das war auf Chequers, dem Landsitz Camerons. Im Gegenzug lud Merkel den Premier mit Frau und Kindern für zwei Tage in das Schloss Meseberg ein. Dort, außerhalb Berlins, empfing sie die Familie gemeinsam mit ihrem Mann. So privat wird Merkel nur, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht.

Für die deutsche Kanzlerin ist Großbritannien in der EU fast unverzichtbar. Kaum etwas bringt Merkel so in Rage wie die Leichtfertigkeit, mit der manche über einen drohenden Austritt der Briten aus der EU sprechen. Reisende soll man nicht aufhalten? Sie halte dieses Gerede für "grob fahrlässig, ja eigentlich für inakzeptabel", hat die Kanzlerin neulich im Bundestag gesagt.

Merkel schätzt den offenen Blick der Briten auf die Welt, sie teilt Camerons Sorge um die schwindende Wirtschaftskraft Europas. Wahrscheinlich teilt sie auch manche Kritik aus London an den kleinlichen Regeln und Gewohnheiten der EU. Aus Merkels Sicht ist Großbritannien wichtig für die Balance in der Union, wenn es um wirtschaftspolitische Fragen geht. Und wichtig für die außenpolitischen Herausforderungen, wie sie sich gerade im Ringen mit Moskau zeigen. Trotz aller deutsch-französischen Freundschaftsschwüre: Der britische Premier steht Merkel in vielem näher als der französische Präsident. Sie würde ihn als Partner ungern verlieren.

Auf dem Gipfel, der in Ypern beginnt und in Brüssel fortgesetzt wird, werden die Deutsche und der Brite dennoch als Gegner erscheinen. Merkel drängt darauf, dass die Regierungschefs – der Europäische Rat – auf diesem Gipfel den früheren luxemburgischen Premier Jean-Claude Juncker als neuen EU-Kommissionspräsidenten vorschlagen. Und Cameron hat in den vergangenen Wochen alles dafür getan, genau diese Entscheidung zu verhindern.

Cameron hat viele Fehler gemacht. Jetzt macht er seinen schwersten

Wird Juncker nominiert, wäre das für Cameron mehr als nur eine demütigende Niederlage. Seine europapolitische Strategie basierte bislang auf zwei Säulen: Cameron wollte in Verhandlungen das Verhältnis zwischen Großbritannien und der EU neu justieren. Und er zählte dabei auf die Unterstützung Merkels. Beides, die Hilfe der Deutschen und die Aussicht auf erfolgreiche Verhandlungen in Brüssel, stehen nun infrage. Schon melden sich daheim die ersten Parteifreunde: Großbritannien sei in der EU fehl am Platz, Camerons Strategie habe nicht funktioniert. Ob es daher nicht an der Zeit sei, "etwas anderes auszuprobieren". Auch in Brüssel macht man sich keine Illusionen über die Briten: Wer auch immer sie führt, er wird künftig noch stärker unter dem Druck der EU-Skeptiker stehen.