Im schönen Sydney hat man gerade die Sängerin Tamar Iveri gefeuert, weil sie sich auf ihrer Facebook-Seite abfällig über Homosexuelle geäußert habe – wenige Woche vor einer Otello-Premiere, in der sie die Desdemona singen sollte. Ja, Herrschaftszeiten! Darf man denn als Desdemona gar nichts mehr? Tamar Iveri, unschuldig im Leben wie in der Rolle, beteuert, dass nicht sie, sondern ihr Mann für den despektierlichen Eintrag verantwortlich sei.

Indes kennt die Weltgeschichte viele Beispiele dafür, dass Ehefrauen für ihre Ehemänner büßen mussten. Insofern spricht eventuell doch manches dafür, der ehelichen Existenz ein Leben als Wanderhure vorzuziehen. Von Andrea Cleven, die bei den Bad Hersfelder Festspielen in Kürze besagte Rumtreiberin spielen soll, ist jedenfalls noch nichts Skandalträchtiges bekannt geworden. Nun hat eine Wanderhure natürlich auch wenig Anlass, missgünstig über Schwule zu denken, höchstens über heterosexuelle Kunden. Aber im Moment sieht es nicht danach aus, als würde abfälliges Reden über Freier ungern gesehen oder gar durch Rollenentzug bestraft.

Sollte Hannes Jaenicke oder wer auch immer demnächst bei den Reeperbahn-Festspielen einen Wanderzuhälter spielen, könnte sich die gesellschaftliche Atmosphäre natürlich ändern. Und gänzlich anders sähe das Bild aus, wenn Fragen der Migration im Allgemeinen berührt würden. Schauspielerinnen oder Schauspieler, die zukünftige Starrollen als Wanderratte, Wandervogel, Wanderprediger oder Wanderniere anstreben, sollten vorsorglich ihr Facebook-Konto löschen, um sich selbst vor politisch inkorrektem Mitteilungsdrang zu schützen. Man denke nur, was krebsfeindliche Äußerungen bei Spendern oder Empfängern von Nieren auslösen könnten!

Freilich ist das Opernpublikum noch einmal eine Spezies für sich. Es möchte sich von den Sängern geliebt fühlen, für deren Vortrag es meist nicht unerheblich geblecht hat. Was wäre, wenn die Stars plötzlich auf Besserverdienende schimpften? Wenn ein Figaro nicht nur dem Grafen ein Tänzchen vorgeschlagen, sondern den allgemeinen Klassenkampf ansagen würde? Da ist Sydney noch gut weggekommen, indem es nur ein Ressentiment verurteilen musste, das jeder Anständige ablehnt. Bad Hersfeld wäre dagegen gekniffen, wenn im Zusammenhang der Festspiele die Frage nach anderen Formen grenzüberschreitender Kriminalität laut würde. Beim Stichwort Taschendiebstahl gäbe es eine Massenpanik.

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