Die ganze Welt spricht in dieser Woche über ihn, über Franz Ferdinand, den Thronfolger der Donaumonarchie, der vor 100 Jahren in Sarajewo einem Attentat zum Opfer fiel, wodurch die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ausgelöst wurde. Der Erzherzog ist eine der wenigen Persönlichkeiten der Weltgeschichte, die weniger dafür bekannt sind, was sie getan haben, als für die Umstände ihres Todes.

In einem Land, in dem der Habsburgermythos scheinbar allgegenwärtig ist, mutet es aber seltsam an, dass der bekannteste Erzherzog der Welt in einer Art nationalem Gedächtnisloch verschwunden ist: Er ist weder im öffentlichen Bewusstsein noch im öffentlichen Raum präsent. Er gehört nicht zu den populären Identifikationsfiguren in Österreich, obwohl er zwanzig Jahre länger gelebt und gewirkt hat als sein Cousin, Kronprinz Rudolf, und zudem einer der politisch aktivsten Thronfolger in der gesamten Reichsgeschichte war.

Außer im niederösterreichischen Artstetten, wo Franz Ferdinand und seine Frau in ihrem Schloss beigesetzt wurden (seit 1982 erinnert dort auch ein Familienmuseum an das Paar), gibt es weder einen Platz noch eine Straße in Österreich, die nach ihm benannt ist, geschweige denn, dass ihm je in Österreich ein Denkmal gewidmet wurde. Im Jahr 1935 wurde im Geburtshaus des Thronfolgers, dem Palais Khuenburg in Graz, das Franz-Ferdinand-Oberlyzeum eingerichtet. Unter den Nationalsozialisten verschwand jedoch dieser Name, und seit 1972 befindet sich in dem Gebäude das Grazer Stadtmuseum. Eine Kaserne im zehnten Wiener Bezirk, die anfangs nach Franz Ferdinand benannt war, wurde 1967 in Starhemberg-Kaserne umbenannt. Heute tragen lediglich zwei Gastronomiebetriebe seinen Namen.

Warum wird am ehemaligen Sitz seiner Militärkanzlei, im Unteren Belvedere, nicht an den Reformwillen und das politische Engagement seiner Nebenregierung erinnert? Wie kommt es, dass das Museum in Artstetten lediglich 20.000 bis 30.000 Besucher im Jahr verzeichnet (zumeist aus dem Ausland), während das Sisi-Museum in der Wiener Hofburg zu den touristischen Hauptattraktionen zählt?

Franz Ferdinands Wirken wird weitgehend ausgeblendet oder von seinem Tod überlagert. Ein großes Denkmal wurde zwar 1917 für den Erzherzog und seine Frau in Sarajevo errichtet, allerdings ohne einen nennenswerten Beitrag aus Österreich. Es wurde durch bosnische Spenden finanziert und zwei Jahre später im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zerstört.

Die Erste Republik war weder an Denkmälern noch an Gedenkgottesdiensten für das Thronfolgerpaar interessiert, die am 28. Juni jährlich stattfanden. Die Erinnerung an Franz Ferdinand wurde zu einer privaten Veranstaltung seiner Freunde, Mitarbeiter und einiger Monarchisten, die sich am Familiensitz Artstetten versammelten. Die erste offizielle Ehrung in Österreich erfolgte im Rahmen des Gedenkens an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Als am 9. September 1934 das "Heldendenkmal" im Äußeren Burgtor des Heldenplatzes eingeweiht wurde, war aus der Republik ein Ständestaat geworden. Obwohl Franz Ferdinand nie in einem Krieg gekämpft hatte, findet man seinen Namen über dem Grab des unbekannten Soldaten.

Es war nicht das erste Mal, dass sein Tod im Zusammenhang mit den im Krieg Gefallenen genannt wurde. Am 29. Juni 1915 schrieb die Neue Freie Presse: "Ein volles Jahr ist es her, seitdem die ersten Schüsse in diesem Weltkriege fielen." Der Artikel endete mit einem Verweis auf Artstetten, "in dessen Gruft die ersten Opfer dieses Krieges liegen". Seitdem wird der Mythos von den "ersten Opfern" des Weltkriegs immer weiter tradiert.

Ironischerweise haben vor allem die Nationalsozialisten an die politische Arbeit und Reformpläne Franz Ferdinands erinnert. Während es in der Zwischenkriegszeit hieß, das Attentat von Sarajevo habe die Völker Österreich-Ungarns einer Möglichkeit beraubt, "eine gesicherte Zukunft aufzubauen", war es laut Adolf Hitler "die Faust der Göttin ewigen Rechtes und unerbittlicher Vergeltung, die den tödlichsten Feind des österreichischen Deutschtums" zerschmettert habe. Hitlers Rassenwahn bestimmte den Blick auf den Thronfolger und seine Politik: Als "größter Slawenfreund" habe jener zur "Entdeutschung" der Doppelmonarchie entscheidend beigetragen. Allerdings versuchten nicht nur die Nationalsozialisten, das Wirken Franz Ferdinands ideologisch zu deuten.