Die Sprache der Brasilianer klingt ein wenig so, als beruhe sie auf Nachbildungen des englischen Wortes "happy". An fast jedes Wort wird ein liebliches, die Umstände versüßendes "i" angehängt, und weiche sch-Laute nehmen den Begriffen das letzte Gift. So wird aus dem Blackout ein Blackautschi, es gibt den Läppitoppi anstelle des Laptops, und Football, das wichtigste aller Worte, wird zu Futschibol. Damit hätte man das weltweite Vorurteil zu dieser brasilianischen WM schon auf den Begriff gebracht: Der Fußball werde futschgehen, er werde zerquetscht werden zwischen den Vermarktungsinteressen der Fifa, dem Herrschaftsanspruch der brasilianischen Regierung und dem Furor der Demonstranten, die gegen die Korruption beider Systeme aufbegehren. Wenn es am Ende nicht so kommt, liegt es an den Brasilianern, diesem liebenswürdigen, vertrauensvollen, unverdrossen zuversichtlichen Volk.

In den Festungen der Fifa

Rechnungen werden aufgemacht: Allein die Wasserwerfer, Tränengaspatronen, die neuen "Robocop-Schutzanzüge" der Polizei, all das Zeug, welches angeblich gebraucht wird, um die Stadien zu schützen, kostet so viel, dass Brasilien dafür viele Krankenhäuser hätte bauen können. Eine Redewendung dieser Tage lautet: "Du bist krank? Dann geh ins Stadion." Dort, im Beton, steckt irgendwo das Hospital, das sie nicht gebaut haben. Inzwischen gehen die Leute aber tatsächlich zum Stadion. An einem Sonntag in São Paulo machen sich Tausende auf nach Corinthians, in den armen Osten der Stadt, wo das WM-Stadion steht. Es ist ein wenig so wie zu feudalen Zeiten, als die Untertanen zum Lustschloss ihres Königs pilgerten: So strahlte vom Glanz ein wenig auf sie ab. Die meisten Ausflügler, Familien mit Kindern, könnten sich den Besuch eines WM-Spiels niemals leisten, aber sie wollen sehen, was da mit ihrem Geld auf den Hügel gebaut worden ist.

Auf dem Spielfeld

Bei dieser WM werden mehr Tore erzielt als bei allen WMs der letzten 50 Jahre. Es wird selbst in den heißen Mittagsspielen des brasilianischen Nordens entfesselt attackiert, als sei das Spielfeld eine Wüste, deren Kerngebiet so schnell wie möglich durchquert werden muss. Rasende Stürmer wie der Franzose Benzema und der Münchner Niederländer Robben sind die großen Meister dieser Kunst.

Robben muss man sehen, wie man George Best in dem Film Fußball wie noch nie von Hellmuth Costard sah: nämlich dann, wenn er den Ball nicht hat. Wie er minutenlang den Raum prüft und wittert, der sich auftun könnte, ist unvergesslich. Und seine Erleichterung, wenn er den Ball endlich am Fuß hat: Er macht Sprünge, Eroberungstänze um den Ball herum, und wenn er losspurtet, sieht er aus wie ein Mann, der im freien Fall übers Feld begriffen ist: taumelnd, aber unaufhaltsam.

Hitzeresistente Kollektive wie die Chilenen pflegen einen Stampede-Stil, der kein Morgen zu kennen scheint. Der Trainer der Chilenen ist ein Argentinier, das erklärt manches. Denn organisiert sind die Chilenen wie die argentinischen Ameisen, die derzeit in Europa einfallen und das Zeug haben, unsere guten alten europäischen Ameisen zu vertreiben: weil sie ihre Gegner im Kollektiv überfallen. Die Chilenen spielen, als rennten sie vor einem Feuer davon, das doch in den Sohlen ihrer Schuhe glüht.

Das Spiel der Deutschen ist anders: Man sieht den Plan, der den Aktionen der Mannschaft zugrunde liegt (mal abgesehen vom wilden Spiel gegen Ghana). Man sieht sogar die Pläne, die sie verwirft: man kann ahnen, welchen Pass sie nun gleich nicht spielt, weil ein besserer sich auftut. Früher sagte man: Die Deutschen ziehen alle Gegner auf ihr Niveau herab. Heute kann man fast sagen: Die Deutschen ziehen ihre Gegner auf ihr Niveau hinauf. Das bedeutet auch: Sie begehen kaum Fouls. Sollten sie verlieren, wird es wieder heißen: Löw ist zu weich, mit dem kann man keinen Krieg gewinnen.

Müller

Einen aber haben sie, von dem geht was Unerbittliches aus. Es ist der vom eigenen Witz auch abseits des Spielfelds völlig angstlos gerittene, unberechenbare Herr Müller. In seinen guten Momenten wirkt er, als sei das Spiel in seinem Kopf schon weiter als in der Wirklichkeit. Man muss nur auf YouTube seine "Laufwege" studieren: Während alle anderen Spieler da in Superzeitlupe sich am Kopf kratzen, ratlos, was nun zu tun sei, erstarrte Gespenster mit wogendem Haarschopf, da sieht man am Bildrand, noch in der Zeitlupe nur als flitzendes Schemen zu erkennen, ein dürres Mannsgestell aus dem Bild rasen, unterwegs in den nächsten, sich für alle anderen erst in drei Sekunden öffnenden, aber für Genies bereits jetzt zu erkennenden freien Raum. Müller hat offenbar ein inneres Echolot zur Früherkennung aller sich im Spiel auftuenden Raumtiefen zur Verfügung. Aber er braucht, um sich wirklich zu entfalten, noch einen Mann vor sich: einen wie Klose, in dessen Schatten er wie unter einem Tarnumhang verschwinden kann. Ach ja, Klose: Nun hat er als bester WM-Torschütze mit dem missgünstigen Ronaldo gleichgezogen. Möge er ihn zügig überholen und hinter sich lassen. Ronaldo hatte dem deutschen Konkurrenten vor der WM gewünscht, er möge sich recht bös verletzen. Asche aufs Haupt des dummen dicken Mannes!