Da haben ARD und ZDF ja etwas Schönes angerichtet! Sie haben neue Angebote für Tabletcomputer und Smartphones herausgebracht, die vollkommen auf das Seherlebnis Fußball zugeschnitten sind. Bei der ARD gibt es die "Sportschau FIFA WM App", das ZDF hat ein entsprechendes Angebot in seiner Mediathek-App. Diese Apps sind so gut gemacht, dass sie den Niedergang des Gemeinsinns herbeiführen könnten.

Nun bedeutet die Fußballweltmeisterschaft ohnehin eine schwierige Phase im Leben, ganz besonders im Leben einer Familie: Über Wochen läuft im Fernseher monothematisches Programm, alle Gespräche über andere, weniger wichtige Dinge werden auf das Nötigste beschränkt.

Und dann noch jene Menschen, die sich zum gemeinschaftlichen Fernsehgucken einladen und die man bis vor Kurzem als Freunde bezeichnet hätte. Sie kommen kurz vor dem Anpfiff, fragen als Erstes nach dem Bier und verteilen dann Chips in Sofaritzen, von denen man zuvor nicht einmal ahnte, dass es sie gibt. Wenn der Tatort das Kaminfeuer ist, an dem sich die Nation wärmt, dann ist die Weltmeisterschaft ihr Höllenfeuer. Aber zumindest eins bringt sie zustande: eine Atmosphäre des Zusammenhalts, des kollektiven Freuens oder Ärgerns. Brachte. Bis jetzt. Bis zu diesen neuen Apps.

"Second Screen" nennt es sich, wenn man auf dem iPad Fußball schaut, während im Fernseher auch schon Fußball läuft – wenn also ein zweiter Bildschirm zum Einsatz kommt. Man kann sich dann per App besondere Szenen wie etwa Torchancen wieder und wieder anschauen, und zwar aus bis zu 20 Kameraperspektiven. Oder Statistiken studieren: Wie viele Fehlpässe sind einem Spieler unterlaufen, wie viele Zweikämpfe hat er gewonnen? Oder man guckt, was andere bei Twitter über das Spiel schreiben.

Wenn also der Brite Wayne Rooney einen Kopfball vermasselt, nimmt man sich das iPad zur Hand und tippt in der App eine der vielen Kameras an. Dann kann man aus deren Perspektive noch einmal in Zeitlupe sehen, wie Rooney eine solche Chance vergeben konnte (aus einem Meter die Latte!) Oder man guckt, wie viele Ballkontakte er schon hatte und was die Stürmerlegende Gary Lineker twittert.

Doch das iPad-zentrierte Verhalten hat Konsequenzen. Es fördert nicht gerade gruppendynamische Prozesse, um es mal vorsichtig auszudrücken. Man verpasst wichtige Szenen und fragt dann mitten in den Torjubel der anderen hinein, was denn los sei – ganz wie die schlimmsten Fußballnovizen aus dem Freundeskreis. Um die Scharte auszuwetzen, hält man daraufhin stolz sein iPad hoch und ruft: Schaut mal, es war Abseits!

Dass die anderen das wenig interessiert (und den Schiedsrichter übrigens auch nicht), kann man nur schwer verstehen. Wenn man bei Spielschluss knurrt, die eine Mannschaft habe gewonnen, obwohl sie weniger erfolgreiche Pässe gespielt habe, weiß das niemand zu würdigen.

Wir müssen an dieser Stelle also warnen: Diese Apps können befreundete Fans auseinanderbringen. Andererseits, was ist das schon gegen 20 Kamerapositionen?