Ein paar Jahrzehnte ist es her, da gab es in Hamburg mehr als dreißig Pfefferhändler. Heute sind es noch drei, und zwei Drittel davon, also zwei, sitzen an einem sonnigen Frühlingstag im Restaurant Zum Steckelhörn. Sie essen Spargel und Schnitzel. Die iPhones haben sie entspannt neben die Teller gelegt. Vietnam, das größte Exportland in Asien, hat schon Feierabend, Brasilien, das größte in Südamerika, wacht gerade erst auf. Deshalb haben die Hamburger Zeit. Sie erzählen vom Pfeffer-Dinner der International General Produce Association, und während sie ausgiebig darüber reden, wie das damals war, als sich der internationale Pfefferhandel noch zum jährlichen Galadinner in London traf, kommt ab und zu eine SMS rein. Dann kaufen sie rasch tippend ein paar Tonnen Pfeffer oder Koriander, legen die Smartphones wieder weg und erzählen weiter, fallen einander ins Wort, führen die Sätze des anderen fort.

"Natürlich musste man black tie und Smoking tragen in London ..."

"... und die hatten einen Zeremonienmeister, und wenn man reinkam, hat er gesagt: "Your name please", und er hat dem Präsidenten den Namen zugeflüstert und es gab einen Handshake."

"... und dann hieß es: "Please rise", und alle haben auf die Queen angestoßen."

Das Galadinner ist längst abgeschafft – im Gewürzgeschäft gibt es nicht mehr viel zu feiern, nur für wenige läuft es noch gut. Die beiden Händler, die in London dabei waren, heißen Sven Stamer und Kai Friedrich Jantzen. Sie sind 43 und 42 Jahre alt. Nein, wie konservative Pfeffersäcke sehen sie nicht aus. Stamer trägt einen Dreitagebart, Jantzen Koteletten und einen Henriquatre, das ist der nach dem französischen König benannte Rund-um-den-Mund-Bart. Außerdem sind sie Cousins. Ihr Onkel, Inhaber von Jantzen & Deeke, ist im November vergangenen Jahres gestorben, seither führen sie das Familienunternehmen als Firmengruppe fort. So weit, so Buddenbrooks-mäßig. Aber wenn Stamer und Jantzen über den traditionellen Pfefferhandel reden, über formelle Anlässe, sorgsam gepflegte Geschäftskontakte und Telexe nach Kuala Lumpur, dann tun sie das mit einer Mischung aus Nostalgie und Ironie. Die Ironie überwiegt.

Denn es ist nun mal so: Der Pfefferhandel hat sich radikal gewandelt, und Jantzen und Stamer zählen zu den Gewinnern, sie können sich ein bisschen Belustigung leisten. Sie sind – zusammen mit einem weiteren Mann namens Ivo Schwab, der sein Büro ebenfalls im Katharinenviertel hat, um die Ecke vom Steckelhörn – die letzten Hamburger Pfeffersäcke.

Noch gegen Ende des letzten Jahrhunderts hatte Hamburg eine echte Pfefferbranche, stolze Kaufleute, die dem Gewürz ihren Wohlstand verdankten: Pfeffer wurde nicht nur benötigt, um Essen zu schärfen, sondern auch, um es zu konservieren. Davon profitierten alte hanseatische Familien mit Namen wie Petersen und Paulsen und Grossmann und Menke. Fertig und vorbei. Fast alle klassischen Pfefferhändler haben aufgegeben. Weil sie keinen Nachfolger zur Hand hatten. Weil sie nicht mehr genug Gewinn machten. Weil ihnen das Geschäft zu riskant geworden ist.