Ein Investor will 35 Millionen Euro in ein neues Unternehmen stecken: Er will Jobs schaffen – vor allem durch ein Bauvorhaben – er will Kunden anziehen, von denen auch andere Branchen profitieren würden, er will Gewerbesteuern zahlen. Liegt es nahe, als Erstes zu fragen, ob Hamburg das brauche? Den Investor ob seiner Profitinteressen zu kritisieren? Ihm vorzuhalten, dass sein Produkt nicht jedem gefalle?

Im August werden die Bürger in Hamburg-Mitte – und merkwürdigerweise nur dort – darüber abstimmen, ob der Musicalveranstalter Stage Entertainment eine Seilbahn bauen darf: vom Heiligengeistfeld über den Alten Elbpark mit dem Bismarckdenkmal, weiter über die Elbe bis zu den Musicaltheatern am Südufer. Dies ist nicht irgendeine Investition. Es geht um ein spektakuläres Bauwerk, und sollte die Seilbahn einmal fahren, würde sie das Hamburger Image prägen, wie es Eiffelturm und London Eye in Paris und London tun. Aber warum nicht?

Seltsamerweise sind es die kommerziellen Interessen des Investors, die seinen Widersachern als Erstes einfallen – als dürfte Geld im öffentlichen Raum nur verschenkt und nicht angelegt werden. Träfe das zu, es gäbe keinen Hamburger Hafen und auch sonst nichts von der Stadtlandschaft, die den Kritikern angeblich am Herzen liegt. In Wirklichkeit sprechen die Interessen der Planer für ihr Vorhaben. Sie wollen jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen über die Elbe schweben lassen – wenn das gelingt, wird der Hafen unbestreitbar attraktiver, zumindest in den Augen dieser 1,5 Millionen, was ja nicht wenig ist.

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Nun gibt es auch völlig andere Einwände. Schon jetzt, sagen die Seilbahngegner, litten die Bewohner von Neustadt und St. Pauli unter dem Andrang der Besucher. So attraktiv eine Seilbahn ihre Stadtteile für andere machen würde, so lästig wäre der zusätzliche Rummel für sie. Dies Argument sollte man ernst nehmen, wenn man, sagen wir, in Stellingen oder Rahlstedt wohnt und den Trubel eines Hafengeburtstags nur vom Hörensagen kennt. Allerdings klagen Hafenrandbewohner gewöhnlich eher über Motorradgottesdienst und Schlager-Move als über Bustouristen und Musicalbesucher. Letztere fallen zwischen Michel und Fähranlegern vor allem durch ihre massenhafte Anwesenheit auf. Natürlich will sich nicht jeder beim Verlassen des Hauses in einer Menge schwäbelnder oder sächsisch sprechender Schaulustiger wiederfinden. Aber ist das wirklich eine Zumutung?

Noch ein Gedanke könnte den in der Seilbahnfrage nicht stimmberechtigten Bewohnern Rahlstedts und Stellingens an dieser Stelle kommen: Sind womöglich sie selbst gemeint – sie und ihre Besucher, denen sie am Wochenende gern mal den Hafen zeigen – wenn sich Seilbahngegner vom Hafenrand gegen "Touristen" wehren? Was ist das für ein "Wir", das aus dem Mund Falko Droßmanns spricht, des SPD-Fraktionschefs in Hamburg-Mitte: "Das wollen wir in diesen Dimensionen an dieser Stelle nicht haben." Könnte es sein, dass diese Gemeinschaft, die Andersdenkende so selbstverständlich ausschließt, dem Irrtum erlegen ist, als Anwohner des Hafens auch dessen Eigentümer zu sein? Und darum zwischen erwünschten und weniger erwünschten Gästen unterscheiden zu dürfen?

Bleibt eine letzte Klasse von Einwänden: die ästhetischen. Die Mehrheit im Bezirksrat Mitte fürchtet einen "massiven Eingriff in das Stadtbild von St. Pauli und von Hamburg insgesamt". Aber was soll das Problem sein? Das Nebeneinander von Bunker, Riesenrad und Seilbahnpylon am Start der Strecke? Die Begegnung der Seilbahnfahrer mit dem steinernen Sozialistenfresser Bismarck, zur Abwechselung einmal auf Augenhöhe? Es ist schon komisch, dass ausgerechnet ein Sozialdemokrat das bedenklich findet, der Bezirksamtsleiter Andy Grote. Warum soll es falsch sein, eine besonders filigran konstruierte Brücke – nichts anderes ist eine Seilbahn – über die Elbe zu bauen? Hafen, Brücke, Fluss: Man könnte meinen, dass sich das sinnvoll ergänzt. Am Ziel der Seilbahn schließlich gilt zwischen Docks, Kränen und Containern nur ein Prinzip der Gestaltung: form follows function. Aber der Funktionsbau einer Seilbahnstation soll stören?

Über das Riesenrad London Eye schrieb der britische Architekt Richard Rogers einmal, seine Schönheit liege darin, dass es den Leuten erlaube, sich über ihre Stadt zu erheben und darauf zu schauen – "nicht nur Spezialisten und Reichen, sondern allen". Schön wäre es, man könnte das in einigen Jahren auch von einer Hamburger Elbseilbahn sagen.