Gleich hinter der Lobby grüßt unübersehbar die Pommesgabel: eine vier Meter hohe Skulptur der geballten Faust, aus der Zeige- und kleiner Finger aufragen. Der internationale Heavy-Metal-Gruß ist ein Wahrzeichen des ersten Hard Rock Hotels auf europäischem Boden. Man kennt die Marke wegen der gleichnamigen Cafés. Inzwischen laufen auch 17 farbig möblierte, elegant polierte Hotels in Nordamerika und Südostasien unter demselben Label. Und ausgerechnet auf Ibiza, berühmt für seine House-Clubszene, will die Kette mit ihrem traditionellen Gitarren-Image nun punkten?

Untergebracht ist das Hotel in einer Anlage aus den siebziger Jahren, mit neunstöckigem Hauptriegel und einem Kranz dreistöckiger Häuser an der Platja d’en Bossa. Zur Neueröffnung wurde frisch gekalkt, großflächig verglast und das Innenleben mit kräftigen Teppichfarben, wild gemusterten Tapeten, Hockern im Raubtiermuster und viel indirekter Beleuchtung modernisiert. In den Fluren, Bars und Restaurants hängen Bühnenkostüme von Bette Midler und Rihanna, Schmuck von Jimi Hendrix und eine Mundharmonika von Bob Dylan – jene Devotionalien der Rock- und Popwelt eben, die die Marke Hard Rock in den Achtzigern bekannt machten.

Mein Zimmer liegt in einem der dreistöckigen Kästen. Hufeisenförmig umrahmen sie ein offenes Areal, in dessen Mitte eine überdachte Bühne steht. Auf der finden jeden Freitag Konzerte statt. Nile Rodgers und Neneh Cherry waren gerade da, als Nächstes kommen UB 40 und Robin Thicke. Von Hardrock keine Spur, aber auch in den Cafés hat der ja nie die Hauptrolle gespielt. Mein Zimmer, ein Standardmodell, könnte man bei frühzeitiger Reservierung in der Nebensaison für 242 Euro pro Nacht buchen; momentan liegt es bei 664 Euro.

Trotz des selbstbewussten Preises scheint man allerdings mit Gästen zu rechnen, die Glanz und Klasse nicht zu unterscheiden wissen. Der Fußboden sieht aus wie helles Holz, ist aber aus Plastik. Die Rigipswand neben dem Bett ist zwar mit einer dünnen Lage graubrauner Granitfliesen überkront. Aber das Polster am Kopfende besteht aus einem billig glänzenden Vinylmaterial im Schlangenlederprint, das vor allem abwaschbar wirkt. Am offenen Waschtisch neben der Eingangstür ist ein Schminkspiegel so festgeschraubt, dass er, je nach Körpergröße, höchstens Bauchnabel oder Genitalien vergrößern kann. Und im Schrank hängen diese nicht vollständig herausnehmbaren Hotelkleiderbügel, die Gästen von vornherein unterstellen, sie wollten sie klauen.

Als ich in ein paar der Playlists reinhören will, die das Hotel unter dem Motto "The Sound of your Stay" anbietet, erlischt in der Bettumrandung das violette LED-Licht. Im ganzen Zimmer Stromausfall. Der Elektriker kapituliert, ich muss umziehen. In nur sieben Monaten wurde der angejahrte Komplex mit seinen fast 500 Zimmern auf Hard Rock getrimmt, noch scheint manche Schraube locker.

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Ich gehe chillen, auf einer der bequemen Liegen des hoteleigenen Strandclubs. Und die Sonne lässt mich nicht im Stich. Stunden später schlendere ich an Cyndi Laupers Schuhen und Robbie Williams’ Jacke vorbei meinem neuen Zimmer entgegen. Vor dem Aufzug ist ein signiertes Instrument des ehemaligen Metallica-Bassisten Jason Newsted ausgestellt, zusammen mit einem Foto von James Hetfield, dem Sänger und Gitarristen der Band. Das ist etwa so, als würde man neben ein signiertes T-Shirt von Ron Wood ein Bild von Mick Jagger hängen.

Mein Ersatzzimmer liegt im neunstöckigen "Tower" und ist eine "Studio Suite Platinum", für die man, aktuell gebucht, 820 Euro zahlen müsste. Auch hier billiges Holzfurnier, silberfarbenes Kunstleder und Plastikfußboden. Sowie ein kaputter Föhn, der nach Anruf bei der Rezeption durch einen anderen kaputten Föhn ersetzt wird. Immerhin brandet vor dem Fenster das Meer, und ich könnte sogar vom eigenen Jacuzzi aus darauf hinabschauen.

Vom Nachbarhaus wummern Bässe herüber: Das Ushuaia ist ein viel gerühmtes Hotel mit integriertem House-Club und täglicher Open-Air-Party. Es scheint vor Musik fast zu vibrieren. Während der Erlebnisbereich des Hard Rock gerade sehr verlassen daliegt. Whitney Houston schallt über den Platz vor der Bühne, die Designschaukelstühle sind unbesetzt. Nur vereinzelt schlendern braun gebrannte Paare vorbei, die aussehen wie kurz vor oder kurz nach der Hochzeit. In einer Sitzecke gibt sich ein halbes Dutzend halbwüchsiger indischer Töchter aus gutem Haus einem Frauenexzess hin: drei riesigen Pizzen und reichlich Cola light.

Für müßige Stunden wie diese hält das Hotel zwanzig E-Gitarren zur Benutzung auf dem Zimmer bereit. Mithilfe einer CD kann man lernen, wie, sagen wir, Joan Jett zu spielen. Aber nur über Kopfhörer, wegen der Zimmernachbarn. Ich öffne die Minibar, die hier Maxibar heißt. Das Härteste, was sie zu bieten hat, sind ein paar Dosen Red Bull und zwei Piccolos. Das passt zur würgend süßen Raumbeduftung. Aber ein Hard Rock sollte doch wenigstens Whisky vorrätig halten. Die Balkongeländer des Ushuaia haben mittlerweile in einem verspielten Lichteffekt rot und orange zu leuchten begonnen. Hard Rock ist nur ein Name. Ich gehe hinaus und folge dem Strom derjenigen, die zur Party in den Hof des House-Hotels drängen.

Am nächsten Morgen frühstücke ich mit Sonnenbrille. Der Sekt am Buffet wird in waberndem, von unten blau beleuchtetem Trockeneisnebel gekühlt. Billy Idol und Deep Purple brüllen belebend laut aus den Boxen. Das kommt mir gerade recht. Später beobachte ich die afrikanischen Händler mit Kisten voller Sonnenbrillen bei ihrer Parade entlang der Brandungslinie. Gut möglich, dass sie nicht nur mit Brillen handeln. Rund um die Pommesgabel bleibt es auch an diesem Nachmittag still. Während ich mir in der Regendusche den Sand abspüle, umgeben von irisierenden gelben Mosaikfliesen, die im Nachmittagslicht wie Fischschuppen schillern, pulsiert sich das Ushuaia schon wieder für den Abend warm. In Kürze werde ich erneut überlaufen zu den Nachbarn. Die Betreiber des Hard Rock Hotels dürften mir das kaum übel nehmen. Das Ushuaia gehört ihnen auch.