Die Wut ist groß in Argentinien. Von "Erpressung" durch die internationalen Finanzmärkte ist die Rede und davon, dass nun endlich die Politik wieder das Sagen haben müsse: "Vaterland statt Geier" lautete die eingängige Formel. Was ist passiert? Argentinien muss ungefähr 1,1 Milliarden Euro an Hedgefonds zahlen, die sich darauf spezialisiert haben, an Staatspleiten zu verdienen – zum Beispiel an jener in Argentinien im Jahr 2001/2002. Die Rechnung dieser Fonds geht jetzt wohl auf, denn sie haben gerade einen Sieg vor einem US-Gericht eingefahren.

Als Geierfonds werden jene spezialisierte Hedgefonds bezeichnet, die günstig Anleihen von Schuldnern in Schwierigkeiten kaufen, oft zu einem Bruchteil des Nennwertes. In der Folge beschäftigen sie dann Topjuristen und Lobbyisten damit, eine Menge rechtlichen und politischen Druck aufzubauen, um den ursprünglichen Nennwert der Anleihen zurückgezahlt zu bekommen. Auch die klagenden US-Fonds soll Anleihen zu Centbeträgen erworben haben.

Anders also als private Anleger, aasen die Geier erst, wenn der Staat schon geschwächt am Boden liegt. Der Privatanleger wird vom Zahlungsausfall eines Staates überrascht, Geierfonds spekulieren darauf.

Nun belohnt ein US-Gericht diese Strategie, und das ist ein falsches Signal.

Dabei schien es so, als hätten die Argentinier eine Lösung gefunden: 2005 bot Argentinien – damals vom Ehemann der heutigen Präsidentin Cristina Kirchner regiert – den Gläubigern ein Schuldenschnittpaket an, bei dem je nach der Art der Papiere mal ein Drittel, mal die Hälfte der ausstehenden Schulden zurückgezahlt wurde. Drei Viertel der Gläubiger willigten damals ein, 2010 gab es noch mal eine Einigung mit weiteren Gläubigern. Insgesamt haben 93 Prozent der Gläubiger der Umschuldung zugestimmt. Der Rest jedoch will mehr von seinem Geld zurück und liegt seither im Clinch mit der Regierung. Die hatte bisher lapidar erklärt: Wer beim Schuldenschnitt nicht mitmacht, bekommt eben überhaupt nichts.

Nun wird es ganz anders kommen. Die Regierung hat am Wochenende bereits signalisiert, dass sie zahlen wird – sie will aber zunächst noch einmal über die Bedingungen verhandeln, hat einen Aufschub beantragt und wirbt diese Woche in großen Zeitungsanzeigen in den USA und Europa für Verständnis. Ihre Schuld wird sie aber fast sicher begleichen: Zu groß ist die Gefahr, dass das Land andernfalls erneut zu einem schwarzen Schaf an den internationalen Finanzmärkten erklärt wird. Zu einem Schuldner, dem man auf keinen Fall mehr etwas leihen darf. Wenn das Land nicht bezahlt, könnte das Argentinien formell als Staatsbankrott ausgelegt werden. So etwas wird irgendwann noch teurer als das Begleichen der Schuld.

So lauten die schlichten, kühlen, geschäftsmäßigen Überlegungen, und so ist die Logik des Marktes, der sich das Land zunehmend beugt. Argentinien hat in der jüngsten Zeit auch noch andere Schulden beglichen, sich mit staatlichen Gläubigern geeinigt und beispielsweise eine Entschädigung für die Enteignung des Ölkonzerns Repsol vereinbart.

Und ist es nicht das richtige Signal, wenn Staaten gezwungen werden, ihre Schulden am Ende auch zu zahlen? Am Finanzmarkt kommt es ja sonst zur sogenannten moralischen Gefahr. Wenn das Beispiel Argentinien der Welt signalisiert, dass Schulden ungestraft ignoriert werden können, dann kommen womöglich noch andere klamme Staaten auf diese Idee. Dann wird es gefährlicher, ein Gläubiger zu sein. Also werden sich Geldgeber künftig ihr Risiko zusätzlich vergüten lassen, was wiederum dazu führt, dass Kredite für Schwellen- und Entwicklungsländer teurer werden. Auf Dauer ist eine solche Entwicklung also schlecht für alle.

Diese Logik klingt bestechend, im Falle Argentiniens aber ist sie unplausibel. Der argentinische Staat hatte ja bereits ein Angebot an seine Gläubiger gemacht: Die verminderten Anteile vom ursprünglichen Wert, die mit der Mehrheit der Gläubiger vereinbart wurden, sind gar kein so schlechter Deal. Wer Kredite an Staaten mit einer turbulenten Wirtschaft verleiht, weiß um das Risiko und muss einkalkulieren, dass er womöglich nur einen Teil zurückerhält. Die Verhandlungsführung der argentinischen Regierung war damals aggressiv, die Regierung hat die Gläubiger zeitweise wüst beschimpft, und die ersten Angebote von Seiten der Regierung waren lächerlich gering – aber am Ende zählt ja das Ergebnis.

Wenn Einzelne nun ausscheren wie die US-Hedgefonds und entgegen der Mehrheit der Schuldner auf eine komplette Rückzahlung pochen, entsteht eine andere und nicht minder problematische Art von "moralischer Gefahr". Dann haben Staaten künftig weniger Anreiz, ihren Gläubigern einen vernünftigen Schuldenschnitt anzubieten: Da werden ja sowieso nicht alle mitmachen! Die Gläubiger wiederum werden weniger Interesse haben, einem solchen Schuldenschnitt zuzustimmen: Wer sich verweigert, bekommt am Ende doch einen besseren Deal!

Klar ist auch, dass die große Mehrheit von Argentiniens Gläubigern aus dem Jahr 2001, die seinerzeit dem Schuldenschnitt zugestimmt haben, sich nun übers Ohr gehauen fühlen. Und sicher kommen andere Gläubiger nun ebenfalls auf die Idee, sich an die US-Gerichte zu wenden.

In Sachen Argentinien werden in diesen Tagen noch andere Argumente aufgezählt: Die Regierungen der beiden Kirchners seien ja selber schuld an der schlechten Wirtschaftslage im Land, den geringen Devisenreserven und den anhaltenden Finanzproblemen. Sie hätten mit inkompetenter und bisweilen willkürlicher Wirtschaftspolitik ihre Binnen- und Exportwirtschaft erdrückt. Da sei es kein Wunder, dass Argentinien sich mit der Rückzahlung seiner Schulden schwertue. So etwas dürfe man nicht noch unterstützen!

Nur: Die Entscheidung der amerikanischen Gerichte ist ja nicht als Maßregelung der argentinischen Wirtschaftspolitik gedacht oder geeignet, sondern sie sendet ein Signal an die internationale Finanzwelt: Es gilt die Moral der Geier. Ein aggressives Geschäftsmodell zum Eintreiben internationaler Schulden wird häufiger angewendet werden, Umschuldungen werden künftig erschwert und das Funktionieren der Kapitalmärkte dadurch behindert. Die Aktivitäten von Geierfonds müssten also eigentlich eingedämmt und nicht noch von Gerichten unterstützt werden.