Emir Ali Hatim al-Suleiman ist der Befehlshaber des Duleimi-Stammes, des größten Clans in der Sunnitenprovinz Anbar im Westen des Iraks, nahe der syrischen Grenze. Die sunnitischen Stämme, sagt er, seien entscheidende Akteure in dem Drama, das sich im Irak abspielt. Nach einem Stammesführertreffen am Wochenende sagt Al-Suleiman, die Terroristen von Isis hätten alleine nie Mossul erobern und dann gen Bagdad marschieren können: "Es ist schlicht unmöglich, dass eine Gruppe wie Isis, die eine kleine Anzahl Kämpfer und Fahrzeuge hat, ganz alleine die Kontrolle über eine Millionenstadt übernehmen kann. Dies ist in Wahrheit eine Revolution der Stämme gegen die Zentralregierung in Bagdad. Und diese Regierung hat unsere Stämme durch ihre Politik erst an die Seite von Isis getrieben."

Doch die Stämme sind seit jeher janusköpfige Wesen. Im Irak haben sie immer wieder beides getan: Terroristen unterstützt und Terroristen bekämpft. Ohne sie hätte Isis das Land nicht überrennen können. Ohne sie wird es kaum möglich sein, den Terror einzudämmen.

Das ist schon einmal gelungen: Als von 2005 an im Irak Al-Kaida-Gruppen im Widerstand gegen die amerikanische Besatzung die Oberhand gewannen, schlossen sich sunnitische Stammesführer unter dem Namen Sahwa ("Erwachen") gegen die Terroristen zusammen. Der Oberkommandierende US-General David Petraeus handelte die Allianz der Stämme aus, die den 2006 bis 2008 tobenden Bürgerkrieg maßgeblich eindämmte. Die Stammesführer ließen sich diesen Dienst von Petraeus allerdings teuer bezahlen.

Nun paktieren dieselben Stämme mit Isis, einem Ableger von Al-Kaida, der durch seine Schlagkraft und Brutalität die ganze Region in Schrecken versetzt. An der Frage, ob sie aus dieser Allianz wieder herauszulösen sind, wird sich die Zukunft des Iraks entscheiden.

Das Bündnis der Stämme mit den Terroristen hat eine lange Vorgeschichte. Ohne das Versagen der Regierung in Bagdad ist sie nicht zu verstehen. Im Dezember 2012 entstand in den sunnitisch dominierten Städten Ramadi und Falludscha eine Protestbewegung gegen die Zentralregierung des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki. Die Sunniten demonstrierten friedlich für mehr Rechte. Sie forderten politische Teilhabe, Jobs und Bildungschancen. Al-Maliki warfen sie vor, einen Schiitenstaat im Irak errichten zu wollen. Die Forderungen blieben unerfüllt, die Demonstranten errichteten Protestcamps. Al-Maliki ließ die Camps mit Gewalt durch die Armee räumen. Es gab Tote und Verletzte.

In dieser bereits aufgewühlten Situation begannen die Isis-Kämpfer im Januar 2014 in die Provinz einzusickern und sie Schritt für Schritt zu übernehmen. Emir al-Suleiman bestätigt, dass sein Stamm mit anderen an Isis’ Seite gegen die Regierung kämpft.

Al-Suleimans Duleimi-Clan profitiert wegen der Nähe seiner Stammesgebiete zu Syrien, Jordanien und Saudi-Arabien immer schon von der grenzüberschreitenden Gewalt. Unzählige Entführungen mit Lösegeldzahlungen gingen schon zu Zeiten des Al-Kaida-Terrors auf das Konto der Duleimi, auch Schutzgelderpressungen und Erhebungen von Wegezoll. Am Grenzübergang nach Jordanien kontrollierten Duleimi-Mitglieder zeitweise die Ausweise und erhoben willkürliche Gebühren. Gut möglich, dass sie auch jetzt wieder an der Grenze stehen und Geld kassieren, unter dem "Mäntelchen der Isis-Terroristen", wie der Emir das nennt. Voraussetzung für jede Lösung sei der Rücktritt Al-Malikis. "Erst wenn er weg ist, verjagen wir auch Isis", sagt Al-Suleiman.