Acht Tage Teheran. Wenig Zeit, um herauszufinden, ob es den Iran von Hassan Ruhani wirklich gibt. Jenen Iran also, der nun in einer aufgewühlten Region ein Faktor von Stabilität und Mäßigung sein möchte. Ein Iran, dessen Präsident sich für seine Twitter-Gemeinde beim Fußballgucken ablichten lässt, ohne Gelehrtenturban, mit nackten Armen. Acht Tage – Visa für Journalisten sind immer noch knapp bemessen, doch werden sie nun rascher gewährt. Darin liegt eine erste Antwort, vielleicht ein erster Hinweis.

"Internationaler Tag" an der Universität Teheran, im Audimax verulken eine Chinesin und eine Indonesierin auf der Bühne ethnische Stereotype in mühelosem Farsi. Videoclips zeigen Szenen aus "80 Years of Excellence". Für herausragende Leistungen gibt es Auszeichnungen, auch im Sport; die Tischtennis-Beste, eine Afghanin, hüpft leichtfüßig in wehendem Tschador auf die Bühne. Als dann noch ein klassisch-iranisches Ensemble Musikstücke verschiedener Kulturen spielt, mit Takten aus der Ode an die Freude, und ein Universitätsoffizieller erklärt: "Wir wollen beweisen, dass dies mit iranischen Instrumenten möglich ist", begreift man, was die ganze Veranstaltung durchzieht: ein immenses Bedürfnis nach Anerkennung, nach Respekt.

Die Angst, verkannt und isoliert zu sein, prägt seit je Irans ungeklärtes Verhältnis zum Rest der Welt, nur wurde sie oft verborgen hinter einem auftrumpfenden Nationalstolz, den es immer noch gibt.

Daneben aber finden sich nun die Baustellen eines vorsichtigen Wandels. Die Uni Teheran zählt dazu. Von hier gingen stets die oppositionellen Impulse aus, einst gegen den Schah, später gegen theokratische Unterdrückung. Wer diese Lehranstalt mit ihren 35 000 Studenten leitet, das ist durchaus ein Politikum. Der unbeliebte Rektor, ein Hardliner, musste gehen. Erstmals durfte der Lehrkörper über den neuen Mann an der Spitze mitbestimmen, 2000 Dozenten entschieden in geheimer Wahl über eine 50-köpfige Auswahlkommission. Und es geschah, was viele nicht erwartet hatten: Der Hochschulminister ernannte tatsächlich den Favoriten der Akademiker – obwohl er selbst eine andere Präferenz hatte.

Mosaiken der Veränderung: Studenten und Lehrende, die aus politischen Gründen der Universität verwiesen worden waren, durften zurückkehren, ohne Lärm, eher beiläufig. Die Campus-Polizei verschwand. Viele Studenten tragen lange Haare.

Über die Boulevards der Hauptstadt sind die Farben hergefallen. Kopftücher leuchten in allen erdenklichen Tönen, und selbst Leggings in Schockfarben rufen nur noch gelegentlich die Moralpolizei auf den Plan. Bunt wird es allerdings auch auf dem Bildschirm des Computers: Wo der Besucher einer der fünf Millionen gesperrten Websites früher nur eine karge Verbotsparole fand, begrüßt ihn nun ein kundenfreundlicher Katalog mit Empfehlungen zulässiger Seiten. Und es gibt einen Link für Beschwerden. Es ist die alte Bevormundung, nun aber hübsch verpackt.

Unter den Kopftuch-Farben der Boulevards sticht ein vertrauter Grünton hervor: 2009 war er das Kennzeichen jener Grünen Bewegung, die sich in Millionenstärke gegen einen vermuteten Wahlbetrug auflehnte und brutal erstickt wurde. Befragt man nun Trägerinnen dieses Grüns, sind die Antworten erstaunlich ambivalent. Gewiss, Grün sei keine beliebige Farbe. Andererseits sei es eine schöne Sommerfarbe, und so werde sie nun getragen, ohne politische Absicht. Dabei sitzt Mir Hussein Mussawi, der verfemte damalige Präsidentschaftskandidat, immer noch in Hausarrest. Viele, die sein Grün schwenkten, haben sich arrangiert. Bitte keine neuen Spannungen, wo es uns doch gerade etwas besser geht!

Etwas Linderung zu erfahren in einem gehetzten Alltag, gezeichnet von Geldentwertung und Mehrfach-Jobs, das ist der bescheidene Wunsch vieler Iraner. Über dieser schweigenden Mehrheit wölbt sich wie eine Kuppel das Getöse eines rhetorischen Kulturkampfes: die Hardliner in Parlament, Staatsapparat und Medien gegen Präsident Ruhani. Kein Anlass ist ihnen zu nichtig, um ihm seine Grenzen aufzuzeigen. Bei einem Seminar über eine neue Krankenversicherung kommt Ruhani wie nebenbei von der körperlichen Gesundheit auf die geistige zu sprechen: Mischt euch nicht ständig in das Leben der Menschen ein! "Man kann niemanden mit Gewalt und Schlägen ins Paradies führen." Es hagelt Schlagzeilen, prominente Freitagsprediger geißeln den Präsidenten. Der kontert, indem er sich über die Rückständigkeit mancher Geistlicher – er ist selbst einer – lustig macht.