Die Luft in Jeff Koons’ Atelier am äußersten Rand des New Yorker Stadtteils Chelsea surrt vor unterdrückter Hektik, man hört gedämpfte Telefonstimmen, leise Werkzeuge, das Klicken von Tastaturen. Gleich hinter dem Eingang steht eine Art Spielzeugmuseum, es ist das Arbeitsmodell für die Ausstellung im Whitney Museum, die in dieser Woche beginnt. Der wohltrainierte Künstler im blauen Polohemd gleitet geschmeidig durch seine staubfreie Factory und erklärt die technischen Vorgänge mit dem Zahleneifer eines Reiseführers. Dem Gespräch widmet er sich mit tiefem, leisem Ernst.

DIE ZEIT: Sie haben oft gesagt, dass niemand Ihre Kunst so gut versteht wie Sie – hat Sie je eine Interpretation Ihrer Arbeit überrascht?

Jeff Koons: Ich habe nichts gegen Kritiker, ich schätze alle Menschen, doch glaube ich nicht an Urteile. Sie erzeugen ja nur Abtrennungen und Hierarchien. Ich glaube vielmehr, dass alles auf seine eigene Weise perfekt ist, was auch immer es sein mag. Manche Dinge haben zu gewissen Zeiten mehr Bedeutung für einen, sie sind einem vielleicht nützlich, und man will sie integrieren. Ein Urteil zu fällen aber heißt, dass man die Energie der Dinge abtrennt und sich selbst beschneidet. Und man erzeugt Angst.

ZEIT: Leute, die Ihre Arbeiten ersteigern oder kaufen, fällen aber Urteile. Ist es etwa kein Urteil, wenn jemand 40 Millionen Dollar für eine Arbeit von Ihnen ausgibt? In unserer Gesellschaft ist Geld schließlich der wichtigste Wertmaßstab.

Koons: Diese Leute erblicken zu einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht mehr Bedeutung in dieser einen Arbeit als in einer anderen. Doch deshalb ist diese andere Arbeit ihrem Wesen nach nicht weniger perfekt.

ZEIT: Warum spielt Geld in der Debatte über Ihre Arbeit eine so wichtige Rolle?

Koons: Ich rede nicht gern über Geld. Wenn ich es tue, dann nur, wenn es darum geht, die Dinge zu machen, die ich machen möchte. Die Außenwelt konzentriert sich nicht wirklich auf die Kunst und auf das, was an ihr wichtig ist. Statt darüber zu reden, was ein Balloon Dog kosten mag oder für welche Summe ein Jasper Johns verkauft wird, sollte man sich über Inhalte unterhalten.

ZEIT: Dabei hat doch schon Andy Warhol klargestellt: "Business is the best art."

Koons: Andy war eben Andy. Er war einfach fantastisch. Ein Kind von Marcel Duchamp, wenn man so will, während ich mich eher als Enkel sehe. Und was besonders großartig an Andy war: Er macht die Dinge so durchsichtig. Er wurde gefragt: Warum machst du, was du machst? Und er sagte: Weil es so einfach ist, sooo einfach. Der Einzige, der einen von dieser Art von Einfachheit abhalten kann, bist du selbst.

ZEIT: Sie werden ja oft zusammen mit Andy Warhol genannt, weil Sie beide als Künstler des Hochkapitalismus gelten.

Koons: Wir stammen beide aus Pennsylvania, Andy kommt aus Pittsburgh, ich aus dem Süden. Ich liebe seine Death and Disaster-Serie, dieses Spiel mit der Abstraktion und die Klarheit des figurativen Bildes. Je abstrakter es wird, desto mehr nähert es sich dem Tode an, und je klarer es wird, desto besser wird es. Das ist, finde ich, sehr interessant.

ZEIT: Der Kunst im 20. Jahrhundert ging es zumeist um das Zertrümmern von Konventionen, um die Verunsicherung der Gefühle, die Erschütterung von Sehgewohnheiten. Für Sie hingegen sind Vertrauen und Sicherheit Schlüsselbegriffe Ihrer Biografie und Ihrer Arbeit.

Koons: Es geht mir nicht um Sicherheit, sondern um Vertrauen. Vertrauen darin, dass ich als Künstler das Interesse des Betrachters auf dieselbe Ebene stelle wie mein eigenes Interesse – es geht um Kommunikation. Es ist mir eine moralische Verpflichtung, den Betrachter zu respektieren. Als Steve Jobs das iPhone kreierte, war ihm das Innere des Produktes ebenso wichtig wie das Äußere. Das Gleiche gilt für meine Arbeit: Perfektion – und auch die getreue Reproduktion des Nichtperfekten bei den Readymades – war mir immer wichtig. Das Vollkommene und das Unvollkommene müssen in sich perfekt sein.

ZEIT: Ihre Kunden vertrauen auf Ihre Wertarbeit, wenn sie etwas von Ihnen kaufen.

Koons: Es geht gar nicht ums Kaufen, sondern um Kommunikation, um ein Erlebnis. Ich bin glücklich, dass Leute den Austausch mit meinen Arbeiten genießen, dass sie Bedeutung in ihnen erblicken – ihre ökonomische Existenz kommt nur als sekundärer Aspekt ins Spiel.