Mitarbeiter beschreiben Kaspersky als Visionär, als genialen Programmierer, als kumpelhaften Chef, ruppig und ein bisschen durchgeknallt. Ein deutscher Mitarbeiter, der mit ihm auf dem Oktoberfest war, sagt: "Programmieren kann er. Feiern auch." Anton Schingarew, Kasperskys Assistent in Moskau, sagt: "Eugenes Bürotür steht immer offen. Kein Fremder würde ahnen, dass er der Chef von 3000 Leuten ist." Manchmal fährt Kaspersky zwischen zwei Terminen mit seinem Assistenten in die Berge. In Patagonien wanderten sie 190 Kilometer in fünf Tagen. Sie aßen Tütensuppen und Instantnudeln, abends schliefen sie im selben Zelt. Nach drei Tagen verlor der Assistent die Kraft. "Eugene hat mich nur angeguckt, da war mir klar: Ich muss da durch. Er ist keiner, der umkehrt."

Kaspersky ist in dritter Ehe verheiratet, seine Frau und die vier Kinder sieht er selten, er ist fast immer unterwegs. In seinem Blog schreibt er über die hübsch geschminkten Stewardessen seiner Lieblingfluggesellschaft (Singapore Airlines) und die Strände seiner Lieblingsstadt (das australische Surfer’s Paradise). In 75 Ländern ist er schon gewesen – Kaspersky führt darüber Buch. Manchmal bleibt er nur wenige Stunden in einem Land. "Wenn du’s richtig machst, fliegst du weiter, bevor der Jetlag dich erwischt", sagt er.

Hinterlässt einer wie Kaspersky Spuren im Netz, wenn er sich in der Welt bewegt? Lädt er sich Songs bei iTunes runter? Kauft er Bücher bei Amazon? Kaspersky lacht. Ums Einkaufen kümmerten sich seine Frau und seine Assistenten. Nur einmal, vor ein paar Monaten, da habe er am Flughafen ein Buch gekauft. Ein Freund habe es ihm empfohlen, einen Krimi von Jo Nesbø. Kaspersky mag das Buch nicht. "Ich brauche keine Detektivgeschichten", sagt er. "Die beste Detektivgeschichte, die ich kenne, ist mein Job."

Kaspersky gehört zu den erfolgreichsten IT-Unternehmern der Welt, er spielt in einer Liga mit den Start-ups der amerikanischen Westküste. Aber neben den Kapuzenpulliträgern und College-Millionären aus dem Silicon Valley wirkt er wie ein Sonderling. Er ist kein Milchgesicht wie Mark Zuckerberg, er hat den Schädel eines Boxers. Ins Silicon Valley, dorthin, wo nicht nur Facebook und Google sitzen, sondern auch Kasperskys größte Konkurrenten McAfee und Symantec, hat es ihn nie gezogen. "Was soll ich da?", fragt er. "Die Programmierer sind nicht halb so gut wie in Russland und kosten doppelt so viel." In Russland lernen viele Kinder schon in der Schule programmieren. Trotzdem ist es kein Paradies für Software-Firmen. Russland ist das Land der Staatskonzerne, die Heimat von Gazprom und Rosneft. In Russland gute Geschäfte zu machen heißt vor allem: der Politik nicht in die Quere zu kommen.

Was passieren kann, wenn sich ein IT-Unternehmer mit den Behörden anlegt, hat Pawel Durow erlebt, der Gründer von VKontakte, dem russischen Facebook. Geheimdienstmitarbeiter hatten ihn aufgefordert, die Profilseiten von Oppositionellen zu schließen und die Daten von Demonstranten auf dem Maidan in Kiew herauszurücken. Durow weigerte sich und tauchte unter. "Ich habe Russland verlassen und habe nicht vor wiederzukommen", schrieb er im April auf einem amerikanischen Blog. "Für Internetfirmen bietet dieses Land keine Perspektive."

Kaspersky sagt, er habe niemals Druck gespürt, mit den Mächtigen habe er nichts zu tun. "Ich habe Putin mal die Hand geschüttelt, mehr nicht", sagt er. Mit dem Geheimdienst arbeite er zusammen, das sei in seiner Branche normal. "Wenn wir gefährliche Viren entdecken und russische Rechner damit infiziert werden, melden wir das dem Geheimdienst und der russischen Polizei. Wenn deutsche Rechner befallen werden, melden wir das dem BKA – so wie andere Anti-Viren-Firmen auch", sagt er. Kundendaten aber habe er nie weitergereicht. Viren habe er immer nur abgewehrt, nie selbst entwickelt. "Ich mache einfach nur mein Business, Politik interessiert mich nicht", sagt Kaspersky.

Er mag London lieber als Moskau, Whisky lieber als Wodka

Es gibt Menschen, die glauben ihm das nicht. In russischen Internetforen schreiben sie, Kaspersky speichere persönliche Daten seiner Kunden und leite sie an den Geheimdienst weiter. Andere wundern sich über einen Vorfall, der 2011 durch die Presse ging: Kasperskys ältester Sohn war entführt worden, nachdem das Millionenvermögen des Vaters in der Forbes-Liste der reichsten Unternehmer Russlands öffentlich wurde. Der Junge wurde gerettet, allerdings nicht von der Polizei, sondern vom FSB, dem russischen Inlandsgeheimdienst. Das machte Kaspersky verdächtig: Wie eng war er mit dem FSB verbandelt? So eng, dass ein paar Geheimdienstfreunde mal eben seinen Sohn befreiten? 2012 erschien im Technologiemagazin Wired ein Artikel, in dem Kaspersky vorgeworfen wird, Hand in Hand mit dem Kreml zu arbeiten. Das Magazin wählte ihn auf die Liste der "15 gefährlichsten Personen der Welt", neben dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Kaspersky weiß, wie man Militärhäfen und Atomkraftwerke mit Viren sabotieren kann. Ob er sein Wissen in den Dienst der Mächtigen stellt, darüber wird im Netz wild spekuliert. Bewiesen hat es ihm keiner.

Er selbst hält die Vorwürfe für "Stereotype aus dem Kalten Krieg". Sie erinnern ihn an die Neunziger, als er zum ersten Mal auf amerikanische Investoren traf. "Computertechnik vom Klassenfeind, das war den Amis suspekt", sagt Kaspersky. "Manche Leute haben damit offenbar bis heute ein Problem." Dabei sei er doch längst in der ganzen Welt zu Hause. Er mag London lieber als Moskau, Whisky lieber als Wodka. Selbst seine russischen Mitarbeiter nennen ihn Eugene. Doch für die, die ihm misstrauen, wird er wohl stets Jewgeni sein.