In weiten Teilen Europas stehen massenweise junge Menschen auf der Straße: Fast fünfeinhalb Millionen Europäer im Alter von 15 bis 24 Jahren sind arbeitslos. In einigen Ländern sind die Zahlen extrem: So beträgt die Arbeitslosenquote in der Altersgruppe bis 24 Jahre in Griechenland 57 Prozent, in Spanien 54 Prozent und in Italien 43 Prozent. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht.

Zahlen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen also den Preis für die Krise? Für die Fehler, die vor vielen Jahren begangen wurden und die im Jahr 2008 zum Ausbruch der weltweiten Finanzkrise geführt haben? Oder sind sie die Opfer einer überzogenen Sparpolitik – von Austerität und missratenem Krisenmanagement?

Man kann die hohen Arbeitslosenzahlen relativieren: Denn ein Großteil der jungen Erwachsenen geht auch in Spanien oder Griechenland noch in die Schule oder studiert – und dies wird bei der Berechnung der Arbeitslosenquoten üblicherweise nicht beachtet. Doch selbst wenn man wirklich auf alle Menschen der jeweiligen Altersgruppe schaut, bleibt das Bild erschreckend: In Spanien ist danach jeder Fünfte in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen arbeitslos. In Griechenland jeder Sechste, in Italien jeder Neunte. Zum Vergleich: In Deutschland trifft es laut Statistikamt Eurostat nur jeden 25. dieser Altersgruppe.

Gerade bei den Jugendlichen zeigt sich, dass die Probleme am Arbeitsmarkt nicht ausschließlich in der rigorosen Sparpolitik begründet liegen. Es sind nicht nur die – fraglos dramatischen – haushaltspolitischen und konjunkturellen Rahmenbedingungen. Auch verfehlte Regeln auf dem jeweiligen Arbeitsmarkt und unzureichende Bildungssysteme tragen zur extremen Jugendarbeitslosigkeit in einigen Ländern bei.

Beispiel Spanien: Dort hat die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen in dieser Krise zwar einen Rekordwert erreicht – doch schon Mitte der achtziger und Mitte der neunziger Jahre sprang die Jugendarbeitslosenquote auf über 40 Prozent. Bei jeder Rezession steigt die Arbeitslosenquote in Spanien massiv an, insbesondere bei den Berufseinsteigern. Ein Grund dafür ist der gespaltene Arbeitsmarkt: Auf der einen Seite existieren reguläre, unbefristete Stellen mit rigidem Kündigungsschutz, auf der anderen Seite gibt es eine große Zahl befristeter Beschäftigungen, die sich leicht beenden lassen. Letztere sind die Jobs, die Jugendliche ergattern.

In einem solchen System wird die ganze Last notwendiger Flexibilität auf dem Rücken der Jugendlichen abgeladen. Sie fliegen sofort raus, wenn die Konjunktur bergab geht. Deshalb investiert auch kaum ein Unternehmen in ihre Ausbildung. Spanien gilt unter Experten als Extremfall eines gespaltenen Arbeitsmarktes. Doch auch in Italien, Griechenland, Frankreich und Portugal gibt es ähnliche Erfahrungen.

Hinzu kommen in vielen Ländern weitere Probleme: Vergleichsweise hohe Einstiegslöhne für Berufsanfänger, die per Gesetz für alle Arbeitnehmer einer Branche gelten. Oft entspricht auch die Ausbildung der Berufseinsteiger nicht den Anforderungen in den Betrieben. Viele Länder versuchen daher das duale Ausbildungssystem zu kopieren, wie es in Ländern mit niedriger Jugendarbeitslosenquote praktiziert wird. Neben Deutschland sind das Österreich und die Schweiz. Spanien hat 2012 neue gesetzliche Grundlagen für eine Lehrlingsausbildung geschaffen, Griechenland 2013.

"Doch ein solches System auf- oder auszubauen dauert lange", sagt Pedro Martins, ein Ökonom an der University of London. So habe Portugal zwar die Zahl der Ausbildungsplätze in den vergangenen Jahren fast verdoppelt, aber trotzdem seien es erst einige Zehntausend Plätze. Dennoch hält der Professor solche Reformbemühungen für entscheidend. Während in Spanien mehr als 25 Prozent aller Arbeitnehmer erwerbslos sind, sind es in Portugal weniger als 15 Prozent. Und während die Arbeitslosenquote in Spanien in den vergangenen zwölf Monaten nur um einen Prozentpunkt gesunken ist, ging sie im Nachbarland dreimal so schnell runter. Allerdings liegt auch in Portugal die Jugendarbeitslosenquote noch bei 36 Prozent.

Die EU bemüht sich, durch Fördermaßnahmen den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu unterstützen. Das bekannteste Instrument dazu ist ein Europäische Jugendgarantie, die im April 2013 von den Staats- und Regierungschefs vereinbart wurde. Jedem Jugendlichen, der vier Monate arbeitslos ist, soll demnach eine Ausbildung, eine Trainingsmaßnahme, ein Praktikum oder ein Job angeboten werden. Für dieses Programm und andere Aktionen stehen sechs Milliarden Euro bereit.

Doch die Garantie kommt nur schleppend in Gang. In Italien ist erst in diesen Wochen eine Online-Plattform dafür eingerichtet worden, in Spanien sollen die Jugendgarantie-Pläne erst 2015 voll wirksam sein, in Griechenland 2016. Und nicht wenige Experten stehen der Idee, dass der Staat in den krisengeschüttelten Ländern wirklich für Millionen Jugendliche ein sinnvolles Angebot organisieren könnte, skeptisch gegenüber.

Zuletzt hat sich zu diesem Thema ein alter Bekannter gemeldet: Peter Hartz. Der ehemalige Arbeitsdirektor von VW und Leiter der nach ihm benannten Hartz-Kommission stellte Anfang der Woche in Saarbrücken neue Pläne vor. Gemeinsam mit Politik und Wirtschaft und einem Set neuartiger Instrumente will er das Problem der Jugendarbeitslosigkeit in Europa lösen.

Ähnlich wie zur Zeit der Hartz-Reform hat er sich viele neuartige Instrumente ausgedacht. Da ist von "Talentdiagnostik" die Rede, von einem "Beschäftigungsradar" und von "Europatriates". Um seine Pläne zu finanzieren, erklärte Hartz in einem Interview mit dem Handelsblatt, brauche man allerdings nicht 6, sondern 215 Milliarden Euro. Eine spezielle Anleihe soll das Geld einbringen.