Theater, vor allem die privaten, die einen Großteil ihrer Mittel selbst erwirtschaften müssen, neigen zum Populären. Mit Klassikern und Gassenhauern, so die Hoffnung, machen sie nichts falsch. Die Zuschauer kommen, weil sie genau wissen, was sie erwartet, und die Kasse stimmt auch.

Das gilt nicht nur im Erwachsenen-, sondern auch im Kindertheater.

Jim Knopf, Pippi Langstrumpf, das geht immer. Innovation? Müssen sich die privaten Theater teuer erkämpfen. Umso bemerkenswerter, dass sich in Hamburg mit seinem Kulturpublikum, dem nicht immer die Liebe für Experimentelles nachgesagt wird, eine Szene etabliert hat, die das Kindertheater in unsere Zeit verfrachtet, es mutig erdenkt – und seine Existenz immer wieder infrage gestellt sieht.

In dieser Woche findet im Fundus-Theater in Wandsbek das bundesweite Treffen der freien Kinder- und Jugendtheater statt, zum ersten Mal seit 22 Jahren. Mit dabei sind die im besten Sinne zeitgenössischen Produktionen der Republik: In Jo im roten Kleid spielt das Theater Triebwerk die Geschichte eines Jungen, der gerne Frauensachen trägt. Bei Ernesto Hase hat ein Loch in der Tasche des Stuttgarter Ensembles Materialtheater muss sich eine Hasenfamilie mit plötzlicher Armut auseinandersetzen. In der Daniel Schneider Show des Theater Mummpitz aus Nürnberg bricht der zwölfjährige Bruder eines in Afghanistan gefallenen deutschen Soldaten zu einer Reise nach Masar-i-Scharif auf. Und das Fundus-Theater selbst zeigt sein legendäres Projekt Die Kinderbank: Hier erfinden Kinder das Geld neu und damit auch das, was man damit machen kann. Wer die Inszenierung besucht, kann ein Starterset für die Gründung einer eigenen Kinderbankfiliale mitnehmen.

"Forschungstheater" nennt Sibylle Peters vom Fundus-Theater diesen neuen Ansatz, der von Hamburg aus in die Republik strahlt. Projekte wie die Kinderbank werden von anderen Theatern aufgegriffen und sind preisgekrönt. Zu Recht, denn hier liegt die Zukunft des Kindertheaters: In einer Welt, in der TV, Film und digitale Medien das Schauspiel und das Drama spektakelmäßig längst abgehängt haben, haben sich die Hamburger auf das besonnen, was Theater einzigartig macht: auf Experimentierlust im Live-Erlebnis.

Aufführungen werden – vor allem in der freien Szene – immer öfter zu Erkundungen oder kongressähnlichen Veranstaltungen. "Well Being: Das gute Leben mit Kindern messen" heißt ein Projekt, das in dieser Festivalwoche stattfindet und in dem Kinder, Künstler und Wissenschaftler Messverfahren für die Antwort auf die Frage "Geht’s uns eigentlich gut?" entwickeln. Es sind diese Projekte, bei denen Publikum und Performer gemeinsam wetten, planen oder experimentieren, die das Fundus-Theater in der Republik bekannt machten.

2012 erhielt das "Forschungstheater" den Bundespreis für kulturelle Bildung. Die Konzepte werden nach Schweden, in die Schweiz und nach England exportiert, die Crew reist durchs Land, um andere Theater zu coachen.

Doch jetzt steht das Projekt vor dem Aus. 62.000 Euro, das sei die Summer, die jedes Jahr fehle, sagen die Macher. Kommt sie nicht rein, ist das Forschungstheater tot.

Die Kulturbehörde sei der Meinung gewesen, das Geld sei mithilfe von Schul-, Wissenschafts- und Sozialbehörde leicht aufzubringen. Und so sieht es auch das "Rahmenkonzept für Kinder- und Jugendkultur in Hamburg": Weil kulturelle Bildung "transdisziplinär" ist, sollen neben der Kulturbehörde mit ihrem mageren Haushalt auch noch andere Behörden Projekte kofinanzieren. Im Falle des Fundus-Forschungstheaters ist das – jedenfalls vorläufig – gescheitert. "Wir haben zuletzt noch mal vier Monate Arbeit darin investiert, die fehlenden Gelder aufzutreiben, um das Projekt auf eine solide Finanzierung zu stellen – alles, was dabei rauskommt, ist Geld für ein paar Monate", sagt Forschungstheater-Macherin Sibylle Peters. Die Kulturbehörde habe keine Mittel mehr, und die anderen Behörden ließen sich nicht längerfristig oder nur mit minimalen Beträgen in die Verantwortung nehmen.

Seit 2008 will Hamburg eine "Modellregion für Kinder- und Jugendkultur" sein. Das scheint, ausgerechnet bei einem Vorzeigeprojekt, krachend zu scheitern. "Kulturelle Bildung steht zwar in Hamburg auf allen Fahnen", sagt Peters, "aber wir bekommen sie nicht finanziert – und am Ende will es niemand gewesen sein."

Wenn am Sonntag das "Spurensuche"-Festival im Fundus-Theater endet, könnte es eine der letzten Gelegenheiten gewesen sein, eine Hamburger Theaterinnovation zu erleben.