Es gibt Dinge, auch in der Schweiz, die größer sind als das eigene Gärtli. Größer gar als unser Gärtli-Denken. Im engen Unterland ist das vielleicht schwer zu glauben. Darum flüchtet ja der Unterländer im Urlaub so oft und so gerne ins Engadin. Das Atmen fällt dort leichter; vor allem im Unterengadin, diesem Hinterhof der Goldküsten-Dependancen ein paar Quertäler weiter.

Größer als unser Gärtli-Denken ist zum Beispiel die Idee eines Schweizerischen Nationalparks, der in Zernez sein Zentrum und seinen Museumssitz hat. Steht der Kulturmensch, irgendwo im Aufstieg zum Pass Murter, vor uralten Arven, so weiß er, dass es Gott einmal gegeben hat.

Geistig mindestens so groß wie das gebirgige Schutzgebiet ist die vergleichsweise winzige Parkanlage ganz in seiner Nähe, der Skulpturengarten von Not Vital in Sent. Gemeinsam mit seinem Bruder Duri Vital hat der Künstler an seinem Geburtsort seine Bauten und Skulpturen installiert. Aus einer Felswand wächst grauschwer Nietzsches Schnauz , hier steht ein Haus jeden Morgen auf und legt sich abends (mit Vitals Hilfe) nieder, dort steht ein anderes als Lichtkubus da, pures Murano-Glas. Und ein Esel, wer als Kulturwanderer diese Eselsbrücke je wieder vergessen wird: Als Referenz an die Erzählung Ils asens da Sent ist der Steg, über den zu balancieren ist – meterhoch über dem Waldboden, gesichert und geführt von einem losen Geländer –, aus Eselköpfen. Wenn ein Mensch schon keine Ur-Arven erfinden kann, dann ist so ein Garten wohl die zweitbeste Lösung.

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In Zernez hat die Gott-Funktion inzwischen das Volk übernommen. Sein Wille war es, dass der Museumsbau von Valerio Olgati eine halbe Ewigkeit gedauert hat. Doch seit einigen Jahren steht der Betonmonolith endlich quer im Dorf, und das ist gut so. Ein Stein wie von einem Riesen vor den Ofenpass gerollt, Bronzefenster, außen nichts und innen Kargheit – das Museum des Nationalparks hat sich hier einen aufreizenden Architektur-Wallfahrtsort geleistet. Und man muss kein Orakel sein, um vorauszusehen: Diesen Sommer ist die Olgati-Kaverne das Reiseziel von stadtmüden Unterländern schlechthin. Denn der Park feiert sein 100-Jahr-Jubiläum, und das wird in Zernez nicht nur im Museum mit Sonderanstrengung vollzogen.

Der Nationalpark stellt sich vor und aus, und er stellt sich den Theatermenschen. Sie sollen seine Geschichte nochmals erzählen, und zwar durch die Brille der Fantasie und aus der Distanz von Künstlern, die mit dem Unterengadin so wenig zu tun haben wie ein Fisch mit einem Fahrrad. Mutig ist das und kaltblütig entschieden. Das Organisationskomitee beauftragte Simon Engeli, den Autor und Giuseppe Spina, den Theatermacher aus dem Thurgau. Nicht nur, aber sicher auch, weil die Beiden dem OK-Präsidenten und SP-Politiker Andrea Hämmerle vertrauensvoll schienen. Engeli/Spina haben bereits auf Hämmerles Schloss Rietberg gespielt. Laina Viva heißt ihr neues Freilichttheater, "lebendiges Holz", das sie in Zernez zeigen, und wer will, erfährt bereits vor der Premiere, dass mit einem Schweinsgalopp zu rechnen ist: Aristophanes’ Vögel führen in den Plot ein, doch die alten Griechen sind hier moderne Stadtflüchtlinge, und diese stellen sich mächtig dumm an in der freien Natur. Ihr Picknick besteht aus dem, was in keiner Raviolibüchse wächst: halluzinogene Pilze. Diese Pilzchen führen dazu, dass die rauschigen Städter von 2014 direkt ins Jahr 1914 reisen und dort auf alle treffen, die bei der Gründung des Nationalparks federführend waren.

Das ist entscheidend der Engadiner Steivan Brunies, der erste Oberaufseher des Parks. Das ist aber auch Paul Sarasin, der Naturforscher aus Basel, ein Bekannter von Brunies, da jener in Zürich und in Breslau Zoologie und Botanik studiert hatte und später in Basel unterrichtete. Brunies, Paul Sarasin und sein Cousin Fritz sowie der deutsch-schweizerische Botaniker Carl Schröter pachteten 1909 von der Gemeinde Zernez die Val Cluozza, um dort den ersten Nationalpark Europas zur Erhaltung der "ursprünglichen Tier- und Pflanzenwelt" zu gründen. Und mehr: Zur Finanzierung des Pachtzinses riefen sie den Schweizerischen Bund für Naturschutz ins Leben, die heutige Pro Natura.

So viel, so besserwisserisch. Doch Laina Viva wird, das soll hier behauptet werden, kein Nachhilfeunterricht in Sachen Grünstaat Schweiz sein. Viel eher ist das Stück eine clever komponierte Anleitung zur Assimilation oder Integration von artfremdem Gedankengut. Denn glaube keiner, die Engadiner hätten damals auf die fremde Schnapsidee einer Schutzzone gewartet, in der man nicht jagen und nicht Holz schlagen kann! Volkes Stimme spielen folglich 30 Laien aus der Region, Laien-Profis von Amateurbühnen, und man soll sie nicht unterschätzen, denn das Engadin ist als spielwütiges Territorium bekannt.

Laina Viva, das Park-Spektakel, ist auch aus anderen Gründen bemerkenswert: Die Bühnen-Musik stammt von Ils Fränzlis da Tschlin, die sympathischsten aller Ländlerfründa und Nachfolger einer Unterengadiner Musiklegende, des blinden Geigers Fränzli Waser (1858 bis 1895). Und in Zernez erhält auch ein anderer Regional-Matador seinen Auftritt: Flurin Caviezel , Kabarettist und Musiker. Er ist in Graubünden quasi eine öffentliche Person, im politischen Leben als Ehemann einer Churer Stadträtin, im kulturellen Leben als Stimme und Kopf für Radio e Televisiun Rumantscha. Auf der Parkbühne spielt er, natürlich, den Steivan Brunies. Und wäre es nicht wahr, so wäre auch das Letzte gut erfunden: Der Autor Engeli stellte bei seinen Recherchen fest, dass zwischen dem originalen Parkgründer und den originalen Fränzlis im vorletzten Jahrhundert eine Verbindung existierte. Auch Brunies spielte Fränzlis-Lieder. Ihm also soll überhaupt zu verdanken sein, dass wir das alte Liedgut heute noch kennen. Allegra!