Der vielleicht größte Standortvorteil der Art Basel war stets das Schweizer Bankgeheimnis. Auf dieser Kunstmesse ließen sich in einer kunstverliebten Stadt mitten in Europa recht einfach unversteuerte Vermögen in wertvolle Kunstwerke umwandeln. So stieg die Art Basel über die Jahrzehnte zum wichtigsten Handelsplatz für moderne und zeitgenössische Kunst auf. Doch jetzt hat die Messe ein Problem. Genaugenommen müssen die großen Sammler nämlich nicht mehr hinfahren. Nicht nur, weil es inzwischen gerade für US-Amerikaner und Deutsche schwieriger geworden ist, in der Schweiz ein Schwarzgeldkonto zu unterhalten, sondern auch, weil viele Werke der besonders gefragten Künstler hier schon längst verkauft oder zumindest schon reserviert worden waren.

Am Stand des Weltmarktführers Gagosian etwa hing vergangene Woche neben einem Gemälde von Picasso und einer Fotografie von Richard Prince auch ein abstraktes Gemälde des kalifornischen Künstlers Mark Grotjahn (Jahrgang 1968), das bereits in den ersten Messeminuten nicht mehr zu haben war. Grotjahns Gemälde sind seit einigen Jahren sehr gefragt. Erst im Mai wurde eines bei Christie’s für gut sechs Millionen Dollar versteigert, und so muss Gagosian nicht lange nach einem Sammler suchen, wenn ein neues Bild aus dem Atelier Grotjahns auf den Markt kommt. In Basel hing das Gemälde allein aus dem Grund, um dem Betrieb zu zeigen, wer hier der Anbieter Grotjahns ist.

Und so verhielt es sich auch an zahlreichen anderen der knapp 300 Messestände: Das bunt-abstrakte Gemälde Single Umbrella (2014) des ebenfalls aus Kalifornien stammenden Mark Bradford (Jahrgang 1961) etwa hätte die Galerie Hauser&Wirth für gut 800.000 Dollar noch vor der Messe gleich mehreren Sammlern verkaufen können. In der Aneignungshysterie um die Werke der derzeit als besonders hoch bewerteten Künstler sind die allermeisten Galerien längst dazu übergegangen, ihren besten Kunden schon vor der Art Basel dicke Kataloge mit ihrem aktuellen Angebot zuzusenden – kleinere Galerien verschicken Bilddateien per E-Mail. Bilder für sechs- oder siebenstellige Summen zu kaufen, ohne sie zuvor in natura gesehen zu haben, gilt inzwischen als normales Sammlergebaren.

Kein Wunder also, dass die an der Art Basel teilnehmenden Galerien wenige Stunden nach der Eröffnung in Rundmails an die Berichterstatter erstaunliche Erfolge verkünden konnten: Die Galerie White Cube hatte ein Medizinkabinett von Damien Hirst aus dem Jahr 1992 für sechs Millionen Dollar verkauft, Thaddaeus Ropac die Holzskulptur Volk Ding Zero von Georg Baselitz für 2,3 Millionen Euro und David Zwirner eine putzige Delfinskulptur von Jeff Koons für 5 Millionen Dollar.

Die Galerien wollen Umsatz machen und verzichten auf Experimente

Ob kurz vor oder wirklich auf der Messe: Rund um die Art Basel machen viele Galerien einen großen Prozentsatz ihres Jahresumsatzes. Auch das ist ein Grund dafür, dass hier wenig experimentelle, noch unbekannte Kunst, sondern eher die teure Ware der bekannten Namen angeboten wird. Die Messe ist immer noch die beste Gelegenheit, einen Überblick über das Angebot dieser oberen Preisklasse zu bekommen. Indes kann man sich diesen Überblick in diesen Tagen auch recht gut in den Sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook und auf dem auf Kunst spezialisierten Portal Artsy verschaffen, man muss diese Dienste einfach nur nach dem Namen der Messe durchsuchen und bekommt eine Flut von Bildern geliefert. Ein dritter Grund, warum manche Sammler möglicherweise zu dem Schluss kommen, dass sich diese Kunstmesse in Zukunft auch aus der geografischen Ferne "besuchen" ließe.

Ohne die Anwesenheit der globalen Großsammler verlöre allerdings selbst die bisher unangefochten erfolgreiche Art Basel schnell an Bedeutung, das weiß auch Marc Spiegler, der Direktor der Kunstmesse. Und so versuchte er in diesem Jahr die Messe zu einem Spektakel zu machen, das physisch erlebt werden will.

Schon lange gibt es zur Art Basel die sogenannte Unlimited-Sektion, eine Messehalle, in der ein mehr oder minder unabhängig agierender Kurator besonders raumgreifende Kunstwerke der ausstellenden Galerien arrangiert. Hier war dieses Jahr etwa die riesige Installation Kinder dieser Welt von Hanne Darboven (1941 bis 2009) zu sehen, zu der nicht nur Tausende von Seiten, mit Ziffern und Noten beschrieben, gehören, sondern auch Kinderbücher, Puppen und Schaukeltiere. Vergleichsweise bescheiden nahm sich da Wiebke Siems (Jahrgang 1954) komisch-tragische Installation aus, die von der Berliner Galerie Johnen aufgebaut worden war: Man sieht einen für die deutschen vierziger und fünfziger Jahre so typischen Küchenschrank mit Tisch. Über den Tisch hat Siem einen ins albtraumhafte gewachsenen roten Lampenschirm gehängt, der auch ein Kleid sein könnte. Zwei cartoonartige Arme und zwei Beine aus schwarzem Textil baumeln an diesem Lampenschirm-Kleid herunter – und lassen an den Aufstieg der deutschen Hausfrau in der Nachkriegszeit denken. Oder an ihr Ende: Die Hausfrau könnte sich hier auch aufgehängt haben. 80 000 Euro kostet dieses Kunstwerk, das in die Sammlung eines Museums gehört.

Marina Abramović und Tino Sehgal locken mit flüchtiger Kunst

Stärker noch als diese großen, kompliziert zu transportierenden Werke zog ein weiteres Spektakel die Sammler an. In Zusammenarbeit mit der Fondation Beyeler und dem Theater Basel führte die Art Basel in einer dritten Messehalle die Performanceausstellung 14 Rooms auf, von Klaus Biesenbach und Hans-Ulrich Obrist kuratiert. Gut eine Woche lang durften 14 Künstler von Marina Abramović über Yoko Ono bis Santiago Serra jeweils eines ihrer Werke in einem von den Architekten Herzog & de Meuron gestalteten Bühnenbild aufführen.

Tino Sehgal ließ unter dem Titel This is competition immer zwei seiner Galeristen, darunter auch Jörg Johnen, im ständigen Wortwechsel seine immaterielle Kunst erklären und zum Teil auch aufführen. Roman Ondák hatte einen Darsteller beauftragt, die Zuschauer in Tauschgeschäfte zu verwickeln, und Damien Hirst ließ ein Zwillingspärchen jeweils denselben Schrott-Roman synchron unter einem seiner Spot-Paintings lesen. Finster blickende Wächter setzten in dieser Messehalle das Fotografierverbot durch. Denn diese Kunst sollte unbedingt flüchtig und nur hier erlebbar sein. Für sie zumindest musste man die Reise in die Schweiz antreten.