Der Wagenbach-Verlag, der an diesem Freitag sein 50-jähriges Jubiläum im Berliner Gorki-Theater feiert, ist ein Musterbeispiel für die Umwidmung politisch-revolutionärer in hedonistisch-kulturelle Energie. Dass der Verlag nie sektiererisch wurde und den Zerfall seines Entstehungsmilieus so mühelos überlebte, verdankt er zweifellos seiner literarisch-intellektuellen Ernsthaftigkeit, die immer stärker war als alle Zeitgeist-Affinität. Etwas bubenhaft Verspieltes eignete Klaus Wagenbach immer, aber für "Läppischkeiten" war er nie zu haben.

Den linken Nimbus hat Klaus Wagenbach stets geschickt eingesetzt, die rote Linie aber war immer der Dogmatismus. In seinen frühen Jahren sprachen seine Feinde vom Baader-Meinhof-Verlag. Der Verleger wurde gar zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Heute erscheint im Wagenbach-Verlag als editorische Großtat sondergleichen die auf 41 Bände angelegte Ausgabe von Vasaris Künstler-Viten. Ohne Übertreibung könnte man sagen: Kein anderer Verlag leistet sich heute noch einen so bildungsbürgerlichen Zuschnitt. Als der revolutionäre Geist der siebziger Jahre in den Terrorismus abglitt, rettete sich der Wagenbach-Verlag in die Kulturgeschichte – ein im Übrigen für die Geschichte der Bundesrepublik typischer Vorgang, wenn man an so glänzende Kulturtheoretiker und Kulturhistoriker wie Karl Schlögel, Helmut Lethen oder Rüdiger Safranski denkt, die alle am äußersten Rand des Extremismus gleichsam kurz vor der Endstation RAF noch den Absprung in die Kulturwissenschaft schafften ... So gesehen ist die Geschichte des Wagenbach-Verlags auch eine Geschichte der Bundesrepublik en miniature, die von der anspruchsvollen Dialektik von Avantgarde und Erbesicherung zeugt.

Klaus Wagenbach, der die Verlagsleitung 2002 in die Hände seiner Frau Susanne Schüssler gegeben hatte, würde vermutlich den Akzent stärker auf Selbstidentität legen und vom anarchischen Eigensinn sprechen, mit dem er ebenso gegen den autoritären Geist der damaligen Bundesrepublik und ihrer Staatsorgane rebellierte, wie er dann später gegen die Macht der großen Verlagskonzerne kämpfte.

Kleine Verlage mit bibliophilem Profil gibt es weit mehr, als es unser gewohnheitsmäßiger Kulturpessimismus auf der Rechnung hat: Dass ein solcher Verlag aber ohne Ermüdungserscheinungen und senile Nostalgie ein halbes Jahrhundert überlebt, das ist keineswegs selbstverständlich. Auch die Stabübergabe an Susanne Schüssler hat das Haus ohne Kursschwankungen verkraftet. Wenn man fragt, wie dieser Bogen von Ulrike Meinhofs Bambule zu Vasaris Künstler-Viten möglich war, dann spielt hier der Deutschen Sehnsuchtsland Italien eine glückhafte Rolle: Für die deutsche Linke war Italien mit seinem Rotwein-Kommunismus und seinem antispießbürgerlichen Hedonismus die Rettung vor dem Extremismus. Indem Wagenbach die italienische Literatur und Kultur (inklusive Kulinarik!) für sich entdeckte, wurde der Verlag zur Hausbibliothek der Toskana-Fraktion und gleichzeitig zu einer der ersten Adressen für den anspruchsvollen kulturgeschichtlichen Essay, wofür symbolisch Peter Burkes Die Renaissance in Italien stehen mag. Der Wagenbach-Verlag zeigt: Das Beste an 68 war sein bibliophiler Elitismus.

Wir gratulieren!