Mindestens eins verbindet die Gastronomie mit dem Horrorfilm-Genre: Es gibt Häuser, die verdammt sind. Wo ein Mieter nach dem anderen scheitert, ohne dass man sagen könnte, was er falsch gemacht hat. Im Fall des früheren Kraftwerks Leverkusenstraße hat der Fluch einen Namen: Bahrenfeld-Ost. In das Gewerbegebiet hinter dem S-Bahnhof Diebsteich findet kaum Laufkundschaft. Das bekamen zuletzt die Betreiber des Restaurants chezfou zu spüren, die trotz bester Bewertungen nach einem Jahr aufgeben mussten. Aber zum Spuk gehört auch der furchtlose Held, der kommt und den Bann bricht.

Tim Mälzer passt in diese Rolle. Was immer man von seiner Kochkunst halten mag, als Restaurantentwickler hat er ein gutes Gespür. Sein Konzept für das riesige Areal der einstigen Maschinenhalle erschließt sich allerdings nicht so leicht.

Das ganze Gebilde nennt sich Off-Club, ist aber kein Club, sondern eine Art Brasserie mit recht einfacher Küche. Mittendrin befindet sich, halb abgeteilt, Madame X, ein ambitioniertes Restaurant mit wechselnden Themenmenüs. Das aktuelle heißt "Mundspiel". Wieso? Die sonst gut informierte Kellnerin kann auch nur berichten, das habe sich "so entwickelt. Eigentlich wollten Tim und Thomas (der Küchenchef) es diesmal nennen wie den Club." Also Off-Menü? "Nein, Fuck-off-Menü. Wir sollten ja mal Fuck-off-Club heißen."

Für einen Moment befällt den Gast eine Vision. Er sieht zwei große Jungs, wie sie zu vorgerückter Stunde unter Gekicher Ideen en gros entwickeln. Dann tänzelt ein Kellner heran. Ob man einen Cocktail möge, gern auch was außer der Reihe. "Mojito? Das kriegen wir hin für dich." Starke Typen in den Service – das war schon immer Mälzers Devise. Aber anders als in seiner Bullerei scheinen Tattoos nicht mehr zwingend vorgeschrieben zu sein. Dieser junge Mann erinnert eher an den mit der Brille von Joko und Klaas. Und da ist er auch schon wieder und bringt einen Mojito des Grauens. Riecht wie ein Erkältungsbad, schmeckt nach Mundwasser. Ist da etwa Minzlikör statt frischer Minze drin?

Bis der erste Gang eintrifft, vergeht eine Stunde. Zum Glück bietet die Weinkarte eine interessante Lektüre. Sehr gut ausgesucht, das alles – und für Tim Mälzer ziemlich elitär. Wer hier wohl Champagner für 880 Euro bestellt? Voll von Gästen jedenfalls ist der ganze Off Club, auch noch ein halbes Jahr nach seiner Eröffnung. Das stört aber überhaupt nicht, denn die Einrichter waren schlau genug, das Offensichtliche zu lassen. Das alte Kraftwerk kommt nicht im modischen Werkshallen-Look daher. Ein fröhlicher Eklektizismus mit Pfauenmustertapete und fluffigen roten Sofas lässt es fast heimelig wirken. Eine Wegbeschreibung zur Toilette klingt hier so: "Du gehst hinter dem großen Tisch am Schlagzeug vorbei und dann rechts am goldenen Hasen."

Wie der Rest ist auch das Essen kaum auf den Punkt zu bringen: ein bisschen neu-nordisch beim Blumentopf mit allerlei Sprossen und Blüten. Ein bisschen Grillhaus beim erstklassigen Rinderrücken mit Kalbsmark, der ohne lästiges Beiwerk auf einem Stövchen kommt. Ein bisschen Edel-Trash beim Cherry-Cola-Wassereis, das vor dem Hauptgang gereicht wird. Also ein hübscher Querschnitt von allem, was gerade hip ist. Großartig schmeckt die Königskrabbe aus der Beringsee, deren weichen Panzer man mitessen kann. Aber was denkt sich die Küche dabei, ausgerechnet den fettarmen Kabeljau in brauner Butter zu pochieren, genauer gesagt: nur anzuwärmen, obwohl er roh gegen die Röstaromen gar keine Chance mehr hat?

Letzteres war im Grunde nur laut gedacht, aber die Kellnerin reagiert sofort: "Ich hol dir den Thomas." Der Dialog mit dem Gast ist bei Madame X nicht bloß Show. Wenig später, im Hochbetrieb, sitzt der Küchenchef Thomas Imbusch mit an unserem Tisch. Er hört geduldig zu und erklärt, sichtlich froh darüber, dass endlich mal eine Rückmeldung kommt: "90 Prozent der Kundschaft interessiert nicht groß, was wir machen."

Dabei ist das, was hier geschieht, wirklich überraschend. Tim Mälzer, der Stefan Raab unter den Köchen, tastet sich mit seinem Team ungewohnt leise in Richtung Gourmetrestaurant vor. "Er wird es schaffen", jubelte die Mopo schon vor der Eröffnung. Diese Euphorie könnte sogar Wahrheit werden, wenn einmal alles so gut harmoniert wie das Dessert aus Karottenknusper und -eis mit Ingwer, Schafsmilch joghurt und wildem Basilikum. Imbuschs Auskunft zum Kabeljau war übrigens wenig erhellend: "Wir wollten das einfach mal machen." Doch was wäre falscher, als im Kampf mit verhexten Häusern sture Vernunft walten zu lassen?

Madame X im Off Club, Leverkusenstraße 54, Bahrenfeld. Tel. 89 01 93 33, www.offclubhamburg.com. Geöffnet mittwochs bis samstags ab 18 Uhr. Menü 65,– €