Nur einen Schritt hinein ins Gutshaus, und die Gegenwart entschwindet. Alles hier in Rensow ist antik, alles ist aus Holz – Dielen, Türen, Schränke. Holz, das hellbraun schimmert wie eine junge Eiche oder schwarzrot wie das Moor. Holz, das nach Waldspaziergang duftet und im Sonnenlicht warm glänzt. Von den Wänden grüßt die alte Zeit, Ahnen in Öl und ein glasäugiger Widder, erlegt zu Kaisertagen. Auf den Kommoden stehen Stillleben aus Zierrat: Zinnkrüge, Messinglüster, ausgestopfte Enten. Und schlägt man ein Buch auf, bröckelt der Ledereinband.

Wer sich in Mecklenburg-Vorpommern einer "Schlossverführung" von Kerstin Klut anschließt, bekommt zwar, streng genommen, gar keine Schlösser zu sehen. "Aber hier in den Dörfern sagen die Leute das immer so: unser Schloss", erklärt die Hobbyhistorikerin. "Ich finde, das klingt so liebevoll, deshalb hab ich es übernommen." Bei ihren Touren öffnet Klut Touristen die Türen zu Herrenhäusern, die hier so dicht beieinanderstehen wie in keinem anderen deutschen Bundesland. Auf den ersten Blick könnte man die 53-Jährige mit ihren Perlenohrringen, weißen Hosen und der Klemmmappe unter dem Arm für die Maklerin der Immobilien halten. Doch vermitteln will Klut nur den Kontakt zu den Menschen, die einigen dieser alten Anwesen zu neuem Glanz verholfen haben – und ihr Silber meistens eigenhändig polieren.

Christina Ahlefeld-Laurvig und Knut Splett-Henning zum Beispiel hatten kein Millionenerbe zu verprassen, als sie das Gutshaus Rensow, Baujahr 1690, übernahmen. Das stilechte Inventar haben sie auf Antikmärkten zusammengesucht. "Die beiden sind imstande, einen alten Kerzenständer zu kaufen und dann das ganze Haus umzuräumen, damit es zum Kerzenständer passt", erzählt Klut. Möbel, die nach 1800 gezimmert wurden, findet das Paar "neumodisch", die kommen ihnen nicht ins Haus. Nach Gutsherrenart sammeln sie Geweihe, allerdings nur deformierte, anormale, deren Enden sich nach hinten verzwirbeln oder denen eine Schaufel fehlt, so viel ironische Brechung muss sein. Selbst der Hund passt zum Ambiente, eine mächtige samtschwarze Dogge, die über die Eichendielen stolziert und den Gästen auf dem Sofa in den Nacken hechelt.

Den Hausherrn hingegen hätte man eher in einer Hamburger Szenekneipe vermutet. Knut Splett-Henning, Anfang vierzig, trägt einen Sechstagebart, St.-Pauli-Shirt und locker sitzende Jeans. Er lotst die Besucher hinüber ins Esszimmer, an die lange, dunkle Eichentafel, auf der Kerzen flackern. Die Gastgeber haben für die Besucher einen Imbiss vorbereitet. Auf einem Holzbrett kühlt eine Kürbisquiche, im Tonkrug schwimmen Minzblättchen auf Rhabarbersaft, es duftet nach Rührei und frisch gebrühtem Kaffee.

Eigentlich wollten sich Knut und Christina, überzeugte Großstädter aus Hamburg und Kopenhagen, in Mecklenburg-Vorpommern nur eine Ferienbleibe herrichten. Wie viele Herrenhäuser der Gegend wurde Rensow 1945 enteignet, diente zunächst Flüchtlingen als Unterkunft und später einer LPG als Kantine. Nach der Wende stand das Haus jahrelang leer. Statt Möbeln gab es nur noch Müll und Trümmer. Trotzdem erlag die Familie dem Charme dieser "Bude", wie Knut Splett-Henning sein 30-Zimmer-Anwesen gerne nennt. Ihm gefällt, dass ausschließlich Material aus der Region verarbeitet wurde: Lehm, Granit, Eiche. Inzwischen vermieten sie einen Teil der Räume an Gäste und leben ständig hier, inmitten all der Barockmöbel, die sie nicht bloß ausstellen, sondern auch benutzen. Selbst wenn mal eines ihrer drei Kinder seinen Grießbrei draufkleckst.

Vor dem Haus drängt Kerstin Klut ihre Gruppe jetzt zum Aufbruch. Von den einst rund 2.500 Schlössern und Herrenhäusern der Gegend sind ihrer Schätzung nach etwa 1.500 erhalten – es gibt also noch jede Menge zu sehen. Wir zuckeln die Landstraße entlang, durch diese Apfelkuchenlandschaft, in der Klatschmohn die Wiesen sprenkelt. Auf dem Asphalt nehmen Finken ein Sonnenbad, nicht erwartend, dass hier tatsächlich mal ein Auto entlangfährt, in den Dörfern winken uns ältere Herren mit dem Spazierstock zu. Weit und leer ist diese Landschaft, nichts bremst den Blick, der über riesige Felder, Weiden, Felder gleitet. Alle paar Minuten hält Klut an einem Herrenhaus, referiert Zahlen, Namen, Hintergründe. Am liebsten aber überlässt sie das Reden den Besitzern.

Der Salon von Gut Belitz. Die ARD richtete die Räume für ihre Dokuserien "Abenteuer 1900" und "Abenteuer 1927" her.

"Wir haben Riesenglück gehabt", sagt Barber Bongardt, Hausherrin von Gut Belitz, die uns mit wehendem Schal entgegeneilt. Belitz ist ein sonnengelber Jugendstilbau, umringt von Bäumen, so mächtig, dass es drei ausgewachsene Mecklenburger brauchte, sie zu umarmen. Gusseiserne Rosen zieren das Geländer. Über die Außentreppe hüpft ein zahmes Lamm, das den Besuchern wie ein Schoßhund hinterherrennt. Bongardt bringt die Gäste in den Wintergarten, serviert Erdbeertorte und Brote mit Schmalz vom Wildschwein. Selbst geschossen? "Natürlich", sagt Bongardt, "von meinem Mann", und deutet in Richtung Wald hinter den Wiesen.

1992 haben die beiden das Gutshaus erworben, das früher einmal der Großmutter ihres Mannes gehörte. Als Alteigentümer genossen sie ein Vorkaufsrecht. Vor allem die riesigen Ländereien hätten sie damals gereizt, erzählt Bongardt. Und dann saßen sie da, in diesem Bau von 1906, der zwar erhalten, aber völlig heruntergekommen war, und fragten sich, wie in aller Welt sie die Sanierung bezahlen sollten. "Und dann kam das Filmteam."

2004 drehte die ARD in Belitz die Dokuserie Abenteuer 1900, in der die Köchin Sarah Wiener und 19 andere hier ein paar Monate lang so lebten wie anno dazumal. Das Filmteam renovierte dafür sämtliche Räume, fünf Ausstatterinnen besorgten Utensilien aus einer Zeit, in der die Dame von Stand sich das Gesicht blass puderte und Kölnisch Wasser der letzte Schrei war.