Die erste Revolution hatte Carl von Linné angezettelt. Der schwedische Forscher schlug 1735 ein Ordnungssystem für die Natur vor. Drei Reiche: Mineralien, Pflanzen, Tiere. "Steine wachsen. Pflanzen wachsen und leben. Tiere wachsen, leben und empfinden." Linné beschrieb die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Organismen durch ihre Gruppierung in Stamm, Ordnung, Klasse, Art und Varietät. Er gab den von ihm beschriebenen Lebewesen jeweils zwei Namen. Der erste bezeichnet die Gattung, der zweite die Art. In Klammern fügte er jeweils ein "L." hinzu. "L." für Linnaeus, den Namensgeber.

So ordnen Taxonomen, Experten für die Verwandtschaftsverhältnisse im Tierreich, seither die Welt. Naturkundliche Sammlungen und Museen zeugen von ihrem Fleiß – und lassen erahnen, wie viel Arbeit noch zu erledigen ist: 8,7 Millionen Arten gibt es nach jüngsten Schätzungen. Bisher kennen wir 1,8 Millionen, die Hälfte davon sind Insekten, ein gutes Drittel stellen mit 650.000 Spezies allein die Käfer – vom Alpenbock Rosalia alpina L. bis zum Zweifarbigen Zwergkäfer Baeocrara variolosa (Mulsant & Rey, 1873).

Sammeln, ordnen, bewahren – die Naturkundler scheinen nicht gerade an der Spitze des wissenschaftlichen Fortschritts zu marschieren. Vergangenheitstrunken muten ihre Debatten an, verstaubt ihre Vitrinen, selbstvergessen die Arbeit der oft als Käferbeinzähler verspotteten Experten. Ihre Arbeitsstätten, die Archive und Museen, verströmen den Odor von Mottenkugeln und Verwesung.

Die Vorurteile sind gewaltig. Sie sind weit verbreitet. Und sie sind falsch.

Die Renaissance der Naturkunde

Seit Jahren kämpft die Taxonomie um Anerkennung – und um ihre Zukunft. Tatsächlich ist, was als Forschung von gestern erscheint, hochaktuell: Ihre Relevanz zeigt sich, wenn, wie beim Ehec-Ausbruch in Deutschland, unerwartet neue Krankheitserreger auftauchen. Wenn Pflanzenzüchter in wilden Varietäten nach Resistenzen gegen Schädlinge suchen. Wenn Pharmakologen neue Substanzklassen erproben wollen. Eine politische Rolle nimmt sie ein, wenn es gilt, Artenschutzabkommen umzusetzen oder die Folgen des Klimawandels zu bewerten. Und wenn die Natur als Produktionsfaktor – Stichwort Bioökonomie – künftig eine wichtige Rolle spielen soll, wird die Taxonomie zur Wirtschaftsmacht.

Darum rufen Taxonomen eine zweite Revolution aus. Die Naturkunde Linnéscher Prägung wandelt sich zu einer molekularen und digitalen Wissenschaft. Vor kurzem stellte* die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, das zum Aufbruch passende Papier vor. Zentrale Aussage: "Eine moderne Taxonomie ist im Entstehen begriffen." Deutschland könnte dabei eine wichtige Rolle spielen.

DNA-Analysen statt Beinchenzählen

Längst zählen die Experten für Artenvielfalt nicht mehr nur Haare an Käferbeinchen. Die Revolution in ihrer Forschung ist auch eine technologische. Molekulare Daten werden zur Bestimmung von Arten herangezogen. DNA-Sequenzen und Proteinanalysen liefern molekulare Fingerabdrücke und machen Verwandtschaftsverhältnisse sichtbar. "Das hohe Tempo, in dem heute diese Daten, aber auch phänotypische Artmerkmale automatisiert erstellt werden können, lässt das große Ziel der Taxonomen, die biologische Vielfalt der Erde zu erfassen, in greifbare Nähe rücken", frohlocken die Experten der Leopoldina. Bevor man gleich den ganzen Globus in den Blick nehme, lautet ihre Empfehlung, zunächst die bereits laufenden genetischen Bestandsaufnahmen der deutschen Tier- und Pflanzenarten (German Barcode of Life) auf Mitteleuropa auszuweiten.

Die von der Leopoldina dringend empfohlene Digitalisierung (Fotografie und Informationserfassung) der deutschen Sammlungsbestände ist nicht nur notwendig, damit die Forscher endlich wissen, welche Schätze sie da eigentlich horten. In den Schränken und Regalen lagern umfangreiche Zeugnisse der Flora und Fauna ferner Länder. Manches Tier in den Archiven ist in seiner Heimat längst ausgestorben. Die Daten international verfügbar zu machen kommt einer digitalen Repatriierung gleich.

*In der gedruckten Ausgabe war zeitlich bedingt die Rede von "In dieser Woche stellt (...)"