Der Gepard, in freier Natur fast 100 Kilometer pro Stunde schnell, sprintet einer Gruppe Springböcke hinterher, das Kreuz bedrohlich verdreht, den Blick fokussiert auf die leckere Beute. Darüber, unter der Decke der Ausstellungshalle, fliegen Schwäne in V-Formation. Und hinten im Raum tauchen ein Pottwal und ein Rudel Hammerhaie ab.

Mit den gewohnten naturkundlichen Institutionen hat die neue Dauerausstellung des Museums Wiesbaden wenig gemein. In einer Vitrine sind die Tiere nicht ausgestellt, vielmehr sind sie versteckt; die Suche nach Säugern, Krabblern und Vögeln inmitten von Holz und Grünzeug dauert. Ein Diorama zum Tarnen – daneben ein Diorama zum Warnen: mit giftigem Vogel in Rot-Schwarz, ungenießbaren Insekten in auffälligem Glitzergewand.

Hunderte Schmetterlinge hinter Glas: nicht mal bezeichnet! Sondern nach Farbtönen aufgereiht. Wichtiger als die Namen der Spezies ist hier die Fülle, die sie als Masse vermitteln. Schaut alle her: So viele Farben und Flügelformen gibt es im Reich der Tiere. "Uns geht es um das unvoreingenommene Schauen, wir schulen die Wahrnehmung", sagt Fritz Geller-Grimm, Kurator und Leiter der Naturhistorischen Sammlungen des Museums.

Das Museum Wiesbaden gehört zwar zu den 15 größten Deutschlands, ist im Vergleich zu den ganz Großen aus Berlin, Stuttgart oder Frankfurt aber nur ein mittelgroßer Betrieb. Eine Million Exponate gibt es hier. Regionalen Charakter haben Botanik und Geologie, in der Zoologie ist die ganze Welt versammelt: Fundstücke, die Artenkundler von Expeditionen nach Hause brachten, darunter 3.882 Vogelbälge, 6.000 Eier, 680.000 Insekten.

Für Forschung fehlt das Geld

Mittelgroß zu sein habe Vorteile, sagt der Kurator. Während sich die Kleinen keine Spezialisten leisten können, ist das für Wiesbaden noch möglich. Und anders als bei den Großen "haben wir hier noch einen Schlüssel für alles". Die Übersichtlichkeit, auferlegt aus finanziellen Gründen, beschränkt allerdings die wissenschaftlichen Möglichkeiten. "Unser Schwerpunkt ist die Präsentation und weniger die eigene Forschung", sagt Geller-Grimm. Wird in den Wiesbadener Sammlungen geforscht, sind meist Externe am Arbeiten, als Gäste in den unterirdischen Archiven oder in der denkmalgeschützten Bibliothek.

Dafür sind andere Einflüsse spürbar. Die Natur teilt sich das Haus mit der Kunst: Wanzensammlung, Weichtiere und 65.000 Pflanzen Tür an Tür mit den Werken alter Niederländer aus dem 17., mit Expressionisten aus dem 20. Jahrhundert. Diese Nähe ist bereits im Titel der Dauerausstellung spürbar: "Ästhetik der Natur". Künstler halfen auch, die Räume einzurichten.

"Wir hätten bei Newton anfangen können, und hinten hätten wir mit der Farbenlehre aufgehört", sagt Geller-Grimm. Um jedoch den Eindruck eines begehbaren Lehrbuchs zu vermeiden, heißen die Bereiche nicht "Erdaltertum" oder "Evolution". Sie heißen "Farbe", "Form", "Bewegung" und "Zeit".

Die Ausstellung wird zum Farbenspektakel

In einem Achteck sind Farbgruppen präsentiert, zum Beispiel Grün, Glanzfarbe oder Gelb. Thematisiert ist, wie es dem künstlerisch produktiven Homo sapiens in Jahrtausenden gelang, an Pigmente zu kommen, um feinste Nuancen ins Bild zu setzen. Das intensivste, lichtechteste Blau etwa wird seit Jahrhunderten in Handarbeit aus dem Edelstein Lapislazuli gewonnen: Mineralminen im nördlichen Hindukusch liefern den Rohstoff für Ultramarin, die teuerste Farbe der Malerei. Als Basis für Ferrari-Rot standen den italienischen Autolackierern lange nur giftige Bleichromat-Pigmente zur Verfügung, seit 1980 gibt es eine Alternative. Exklusivste Farbe in der Ausstellung: Indischgelb. "Ihre Herstellung ist seit mehr als hundert Jahren aus Tierschutzgründen verboten", sagt Susanne Kridlo, Kuratorin der Ausstellung. Mit Mangoblättern gefütterte Rinder bekamen extrem wenig zu trinken. Der intensiv gelb gefärbte Urin wurde eingedampft und zu Kugeln gepresst.

Dreht der Betrachter sich um, erblickt er hinter sich dieselben Töne in der Ausgestaltung von Flora und Fauna: gelbe Paprika, gelbe Schlange.

In anderen Bereichen geht es genauso querbeet zu, geordnet nach Form und Motiv zwar, nach Biologen- und Paläontologenauffassung aber durcheinander: Hinter fossilen Knochen hängt das Potpourri berühmter Motive steinzeitlicher Höhlenkünstler. Die Frucht solcher Betrachtung ist eine erstaunliche Menge unerwarteter Eindrücke und Erkenntnisse. Doch letztlich ist es ein Vorgehen ohne spezifischen Bildungsauftrag: "Wir werden nie Konkurrenz zur Schule sein", sagt der Kurator, "wir sind eine Ergänzung zum Bildungskanon."