War sie ein Flittchen? Eine Kokotte, wie es sie im mondänen Paris schon immer gab, die sich wie eine hungrige Katze durchs Leben kämpfte? Oder war Priscilla, eine Schönheit mit der weichen Haut der Engländerin, doch nur eine, die Jugend und blondes Haar einsetzte, um es sich bequem zu machen? 500 Seiten lang erforscht der englische Autor Nicholas Shakespeare diese Fragen, die ein Geheimnis seiner Familie aufklären sollen: das Leben einer Tante, die bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Frankreich lebte.

Priscilla Rosemary. Geboren 1916 in England, dort 1982 gestorben. Später Vicomtesse Priscilla Doynel de la Sausserie. Geliebte von Männern, die sich durch den Besitz von Bugattis auszeichnen, von Raubkunst oder Schwarzmarkt-Champagner. Sie trug noch in härtesten Zeiten Jäckchen von Elsa Schiaparelli, für die sie modelte, bevor es easier schien, Haute Couture aus der Hand von Männern zu empfangen.

Shakespeare schildert, wie sie durch das besetzte Paris radelt, unter dem Rotieren der Suchscheinwerfer. Eine Ausländerin ohne Papiere. Im Winter 1940/41 wird sie in das Internierungslager Besançon verbracht, wo die Frauen auf nassem Beton schlafen und hungerschwach in die Latrinen kippen. Dann, im Frühjahr 1941, verlieren sich Priscillas Spuren.

Es kommen die Jahre, von denen Frankreich sagt, dass sie aus der Historie gestrichen werden sollten – zu schmerzlich, das Geflecht aus Kollaboration, Verrat, Korruption. Shakespeare will die Fäden entwirren – und hält den Stoff eines Romans in Händen, durch den Hässliches scheint. Ein Happy End gibt es nur politisch. Am Morgen des 25. August 1944 rücken die 2. französische Panzerdivision und die 4. US-Infanteriedivision in die Stadt ein, mittags flattert die Trikolore übermütig auf dem Arc de Triomphe. Priscillas Leben aber endete auf einer Champignonfarm in Sussex, im Dunst von Dünger, Alkohol und einem Hauch Calèche von Hermès. Aber was macht das schon nach so einem Leben?!