Sieben Monate dauerte es, die Gesprächsprotokolle zu übersetzen. Sie dokumentieren 31 Unterhaltungen, die über den Internettelefondienst Skype zwischen Wien und Dubai geführt wurden. "Was ist, wenn sie die Leichen in Säure aufgelöst haben?", fragt Alnur Mussayew, der an der Donau untergeschlüpfte ehemalige Chef des kasachischen Geheimdienstes KNB am 11. Oktober 2010 den Mann am anderen Ende der Leitung. "Dann gibt es Spuren von der Säure", antwortet der Mann in Dubai, "im Bodengemisch ... selbst wenn sie in Königswasser aufgelöst wurden" – das sei ein Gemisch aus Salz- und Salpetersäure, belehrt er den Gesprächspartner – "irgendwas bleibt immer übrig." Ob er denn annehme, dass man die Leichen finden werde, fragt er Mussayew neugierig. Dieser reagiert gereizt: "Alle quälen mich mit der gleichen Frage – ich bin doch nicht der Herrgott persönlich." Er wisse, wo sich die Leichen befänden: "Und damit basta!"

Es sind diese Gespräche und die sterblichen Überreste von zwei Männern, die nun Rachat Alijew, 51, den ehemaligen kasachischen Botschafter in Wien und Ex-Schwiegersohn von Staatspräsident Nursultan Nasarbajew, in Bedrängnis bringen. Österreich erließ einen Europäischen Haftbefehl gegen ihn, er flog freiwillig im Privatjet aus Athen ein und stellte sich, weil er fürchtete, seine nunmehrigen Gastgeber könnten ihn an seine alte Heimat ausliefern. Dort ist er unter anderem wegen zweifachen Mordes zu 40 Jahren Gefängnis rechtskräftig verurteilt. Eine Auslieferung hatte Österreich bislang aus Menschenrechtsgründen verweigert, nun muss die Republik gegen den kasachischen Ex-Diplomaten und Geschäftsmann ermitteln. Der sitzt jetzt gemeinsam mit seinen mutmaßlichen Komplizen, dem Ex-Geheimdienstler Mussayew und einem früheren Leibwächter, in Untersuchungshaft. Am vergangenen Freitag wurde diese verlängert, der "dringende Tatverdacht" habe sich erhärtet, sagen die Ermittler, und es bestehe Fluchtgefahr. Es geht um Entführung, Folter und Mord.

Seit bald sieben Jahren beschäftigt der verworrene Fall rund um den gefallenen Kronprinzen aus dem rohstoffreichen Kasachstan in Wien Fahnder, Staatsanwälte sowie ein Heer von Anwälten und PR-Beratern. Hinter ihm verbirgt sich der Machtkampf zweier rücksichtsloser und schwerreicher Männer. Mit 21 Jahren hatte Alijew die älteste Tochter des damaligen KP-Funktionärs Nasarbajew geheiratet. Mit dem Aufstieg des autokratischen Wendegewinners an die Spitze des Landes kam auch sein Schwiegersohn, ein studierter Arzt und Ökonom, zu Macht und Geld. Geheimdienst, Steuerfahndung und Außenministerium gehörten zu seinen Agenden – ein idealer Nährboden für blühende Geschäfte.

Aber 2007 entzweit sich das Gespann. Am 31. Jänner verschwinden zwei Manager der kasachischen Nurbank zunächst spurlos. Alijew, damals Hauptaktionär der umtriebigen Finanzinstitution, die im Erdölgeschäft groß geworden war, streut das Gerücht, die beiden hätten Geld unterschlagen und sich ins Ausland abgesetzt.

Doch die Witwen der damals noch Vermissten behaupten kurz darauf in einem offenen Brief, tatsächlich habe der Schwiegersohn des Präsidenten die verschollenen Banker auf dem Gewissen. Zunächst nimmt der Staatschef Alijew aus der Schusslinie und schickte ihn als Botschafter nach Wien (wie schon zuvor 2002 nach einem angeblichen Putschversuch). Einen Monat später fällt Alijew allerdings endgültig in Ungnade. Die Ehe mit Nasarbajews Tochter Dariga, der heutigen Parlamentsvorsitzenden, wird geschieden und Alijew der Diplomatenpass entzogen. Die Kasachen verlangen jetzt vergeblich seine Auslieferung.

Unter fragwürdigen Umständen und unterstützt durch den heutigen Justizminister Wolfgang Brandstetter, gelingt es Alijew, über Nacht einen – inzwischen eingezogenen – österreichischen Pass samt Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen. Nun kann er ungestört seinen weitverzweigten Geschäften nachgehen, unter anderem erwarb er über sein Firmennetz mehr als die Hälfte der Anteile am Wiener Medienzentrum in St. Marx. Während die Banker-Witwen nicht locker lassen, einen Opferverein gründen und Anwälte anheuern, lassen sich alle Mordvorwürfe noch leicht zerstreuen. Ohne Leichen keine Bluttat.

Doch sechs Monate nachdem der Ex-Geheimdienstmann Mussayew und sein Gesprächspartner am Golf über die diskrete Beseitigung von Leichen fachsimpelten, werden in Kasachstan auf einem Betriebsgelände, das zum Firmenimperium von Alijew gehört, die Überreste zweier Männer gefunden. Genau an jenem Ort, den Mussayew in dem Skype-Gespräch beschrieben hat. Sogar die Tiefe, in der die Opfer verscharrt sein sollen, stimmt: vier Meter. Ob der entscheidende Tipp allerdings von dem offenbar eingeweihten Exil-Kasachen stammt, bleibt ungewiss.

Einem Rechtsmediziner von der Berliner Charité, den die Kasachen einflogen, gelingt es mit "99-prozentiger Sicherheit", die Identität der Leichenteile festzustellen: Es handelt sich um die verschwundenen Bankmanager. Sie waren in mit Löschkalk gefüllten Betonfässern entsorgt worden. Sie weisen Folterspuren, Würgemale und Knochenbrüche auf. Beide Männer waren vor ihrem Tod mit Psychopharmaka vollgepumpt worden.