1996 emigrierte ich von Pankow nach Prag. In England war Fußballeuropameisterschaft. Rumpel-Deutschland stand im Finale gegen die edlen Tschechen. Seit meiner Kindheit verstört mich (west-)deutsches Siegesgebrüll; die DDR benahm sich in dieser Sportart dezenter.

In Vorfurcht des Unvermeidlichen floh ich zum slawischen Brudervolk. Inmitten von sechzigtausend Pragern erlitt ich auf dem Altstädter Markt die Übertragung der 1 : 2-Niederlage. Ah, herrliche Tragik! Ich wurde betränt, blond geküsst und durfte anderntags sogar auf die Bühne, als die Geschlagenen von Wembley heimkehrten.

National umjubelt, berührte ich das Bluthaupt von Vladimir Smicer und schüttelte Karel Poborskys Rechte. Letzterer wurde zum Leitwolf meines Prager Heldenepos’ Smicers Wunde und Poborskys Hand . Ein Hamburger Reichsadlerauge verschlimmbesserte den Namen zu "Podborsky", mit dem Argument: Tschechen heißen so. Das sei nun – endlich – korrigiert.

In Brasilien fehlen die Tschechen. Also ließ ich Costa Rica in mein Herz. Welch Zwergenaufstand! Was für Kämpfer! Aber wo bleibt die Tragik? Sie ist den abgestürzten Spaniern vorbehalten.

Ruhm und Preis dem ARD-Kommentator Mehmet Scholl, der sich jeden deutschen Spott verbat: Die Spanier hätten UNS über so viele Jahre Freude gemacht. Wow! Scholl scheint zum Weltbürger gereift.

Jüngst war ich abermals in Prag. Diesmal kam Pankow mit. Die beste Ost-Rockband aller Zeiten spielte auf dem Jazz Dock an der Moldau, leider nur für 80 Geladene der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Kurz darauf gastierten in Berlin Black Sabbath, Aerosmith und die Stones. Hab ich alle entschlossen verpasst, die glücklichen Ohren noch voll Pankow.

Da war ich fürs Heimteam. Im Herbst geht es auf Tournee.