DIE ZEIT: Frau Roth, nie war die CDU so modern wie heute, und nie war sie so erfolglos in den Städten. Gerade hat sie das Rathaus von Düsseldorf an die SPD verloren. Von zwanzig großen Städten in Deutschland stellt sie nur noch in dreien den Oberbürgermeister. Was ist da passiert?

Petra Roth: In den letzten dreißig Jahren haben sich die Kommunalverfassungen geändert. Seit 1997 gibt es überall Direktwahlen, und es war klar, dass es damit auch andere Oberbürgermeistertypen geben würde. Nun muss das Stadtoberhaupt die Wählerstimmen von jedem gewinnen, damit er oder sie eine Mehrheit bekommt. Der Kandidat muss auf Marktplätze und Straßen gehen und sich verkaufen, dazu ist gar nicht jeder bereit. Gleichzeitig wollen die Bürger nicht nur gut unterhalten werden, sie wollen auch eine ordentlich geführte Stadt. Das kann auch nicht jeder. Manch ein klassischer Verwaltungsbeamter könnte es vielleicht, aber der kann wieder keinen Wahlkampf.

ZEIT: Dennoch stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die CDU unter dieser Entwicklung so leidet.

Roth: Die CDU kann Wahlen gewinnen, das sehen wir in den Gemeinderäten: in München, Düsseldorf oder Frankfurt. Nur in der Direktwahl sind Kandidaten der CDU für Wähler offenbar nicht so ansprechend, dass sie ihnen die Mehrheit geben.

ZEIT: Und warum nicht?

Roth: Das sind manchmal geradezu psychoanalytische Prozesse, die eine Rolle spielen. Jede Stadt hat einen Oberbürgermeistertypus, der zu ihr passt. Der süddeutsche OB kommt eher aus dem Volk und sagt: Ich will Verantwortung übernehmen. Der norddeutsche kommt eher aus der indirekten Wahl und hat sich die Akzeptanz der Bevölkerung erarbeitet. Und dann kommt etwas dazu, was man nicht lernen kann, eine Begabung: Die OB-Kandidaten müssen etwas ausstrahlen, was den Bürger zu seinem Kreuz verleitet, zu dem Kreuz hinter dem Namen. Das ist Glaubwürdigkeit. Die speist sich aus ganz unterschiedlichen Quellen. Hamburg muss man anders erneuern als Frankfurt oder München. Der Kandidat muss einfach zum Volk passen.

ZEIT: Eine Volkspartei wie die CDU, die so wenige Leute produziert, die zum Volk passen, hat aber ein Problem, oder?

Roth: Na ja, so wenige sind es auch nicht. Aber wir haben verloren, in Hessen, in Nordrhein-Westfalen, in Bayern, keine Frage. Überall gab es eine geringe Wahlbeteiligung, und überall hat ein Sozialdemokrat gewonnen. Die CDU, das muss man einfach sagen, ist nicht so kampagnenfähig wie die SPD. Manchmal ist die CDU so zufrieden, dass sie nicht zur Wahl geht. Oder sie hat etwas an ihren Frontleuten auszusetzen und sagt: Och nee, eigentlich finde ich den gar nicht so toll. Die SPD dagegen sagt: "Das ist einer von uns", und kämpft. Und dann passiert so etwas wie in Düsseldorf, dass ein Sozialdemokrat einen vermeintlich erfolgreichen CDU-Kandidaten verdrängt. Übrigens macht kein erfolgreicher OB Parteipolitik. Weder bei der SPD noch bei der CDU. Wenn Sie nur mit dem Wahlprogramm kandidieren, sind Sie verloren. Wir haben zunehmend parteiferne Kandidaten und Amtsinhaber.

ZEIT: Warum finden die Parteien niemanden mehr, der für ein Amt antreten will?

Roth: Die Parteien sind doch nur das Spiegelbild der gesellschaftlichen Veränderung in Deutschland. Ihnen geht es wie Sportvereinen oder Gewerkschaften: weniger Mitglieder, kein Interesse mehr, mitzuarbeiten. Aber die Annehmlichkeiten nehmen alle gerne mit. Der Staat hat inzwischen so viele Verantwortlichkeiten übernommen für uns, dass alles wunderbar abgefedert ist und der Wunsch nach Veränderung nicht sehr groß ist. Die wenigsten Leute meinen heute, eine Kandidatur für ein Amt fehle ihnen gerade noch zum Glück. Bei manchen ist das so, aber die kandidieren dann auch nur einmal. Früher hat man mehrere Male hintereinander kandidiert. Das gibt es kaum noch.

ZEIT: CDU-Generalsekretär Peter Tauber will die Partei öffnen und individuellere Angebote an Sympathisanten machen, maßgeschneidert, wie er sagt. Ist das nicht im Grunde das Gegenteil einer Volkspartei?

Roth: Stimmt. Die permanente Gründung von Arbeitskreisen, die sich dann wieder verflüchtigen, ist auch ein Zeichen dafür, dass unser Begriff der Volkspartei innerparteilich gar nicht zu hundert Prozent angenommen wird. Begriff und Inhalt der Volkspartei müssen immer wieder neu justiert werden. Die Kunst besteht darin, einerseits ein breites Angebot für viele Gruppierungen zu machen, andererseits das Verbindende, die Klammer, die alles zusammenhält, im Blick zu behalten.