Glaubt man deutschen Medien, steht der NSA-Feind längst in jedem deutschen Hinterhof. Schauen wir genauer hin. Sind Sie zufällig eine klamme alleinerziehende Mutter, die raucht? Ein Anwalt mit Allergien, der Elvis-Devotionalien sammelt? Das will nicht die NSA wissen, sondern eine private Sammel-Industrie, die laut Washington Post "Milliarden von Datensätzen nutzt, um detaillierte Porträts von jedem US-Konsumenten herzustellen". Erfahren hat das die Post aus dem 110-seitigen Bericht Data Brokers, der nicht etwa von einem Freelancer wie Snowden kommt. Verfasst hat ihn eine hochoffizielle US-Behörde, die Federal Trade Commission (FTC), die über Wettbewerb und Verbraucherschutz wacht.

Die FTC zeichnet das Bild eines privaten Überwachungsmolochs, der die NSA (und BND und Co. sowieso) zum Amateurverein degradiert. Die Privatschnüffler nutzen öffentliche Unterlagen als Rohmaterial, etwa aus Katasteramt oder Rentenversicherung, aus Kreditkartenabrechnungen, Treue-Ausweisen und Social-Media-Einträgen, die es auch bei uns gibt. Aus all dem filtert sie Erkenntnisse, von denen Orwells großer Bruder nicht zu träumen gewagt hätte: über Alter, Herkunft, Einkommen, Wahlverhalten, Waffenbesitz. Und mehr: Ist Herr X ein Glücksspieler, kauft er Pornos? Sucht Frau Y im Netz nach Informationen über Aids oder Diabetes? Fazit der FTC-Chefin Ramirez: Diese Datenhändler "wissen mehr über uns als unsere Familien und Freunde".

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Die NSA weiß, wer mit wem von wo telefoniert oder gemailt hat. Für Präzis-Persönliches müssen die Ermittler im Inland (nicht im Falle des Kanzlerinnen-Handys) einen Bundesrichter bemühen. Nicht nur wissen die Privaten mehr, sondern verhökern es auch an Dritte, die Werbestrategen. Die platzieren dann die entsprechenden Spots im PC. Auf dem Schirm der hilfsbedürftigen Mutter tauchen Entschuldungsberater auf. Die reiche Freundin kriegt Luxusreisen angeboten.

Oder nicht ganz so harmlos. Nehmen wir an, Herr X hat sich in Facebook als Enthusiast schwerer Motorräder geoutet. Hat er Glück, bekommt er von Harley eine Liste verbilligter Modelle angeboten. Hat er Pech, notiert die FTC, "folgert seine Versicherung auf sein Risikoverhalten" – und erhöht die Prämie. Die Dimensionen dieser Sammelwut sind ungeheuerlich. Die FTC hat neun Datenhändler gezwungen, ihre Daten herauszugeben. Einer von denen stopft jeden Monat drei Milliarden neue Sätze in seine Bank.

Schlimmer aber: Was gesammelt wird, verschwindet nie wieder. Dieser Autor hat im Digital-Telefonbuch der USA seinen Namen eingegeben. Da findet er heute noch, wo er mit wem vor 30 Jahren gewohnt hat – und wie teuer das Haus inzwischen ist. Die FTC will diesen Digital-Totalitarismus zumindest einzäunen. Der Kongress, so die Empfehlung, soll allen Bürgern Einblick in ihre Daten verschaffen. Ihnen, zweitens, erlauben, sich den Daten-Trawlern zu entziehen. Schließlich die Händler zwingen, ihre Quellen offenzulegen, damit der Verbraucher Falschinformationen beseitigen kann.

Ob der Kongress sich gegen die Datenlobby durchsetzen kann, ist eine andere Frage. Aber es ist ein Anfang. Eine Big-Data-Lobby gibt es auch in Europa, weshalb sich auch die hiesigen Behörden Big Brother II vornehmen sollten. Leider braucht dieser Schnüffler weder Stasi noch Gestapo. Was er haben will, geben wir freiwillig per Smartphone und PC, auf die wir nicht mehr verzichten können. Umso mehr Grund, in Europa dem Beispiel der FTC zu folgen.