Die Deutschen werden im Schnitt immer älter, und sie bekommen weniger Kinder: Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass Menschen tatsächlich die Chance erhalten, länger zu arbeiten. Nur so können wir den Herausforderungen der Rente mit 67 begegnen. Aber was tut die Bundesregierung? Sie beschließt die sogenannte abschlagsfreie Rente ab 63 und schickt Menschen übergangslos in Rente, obwohl viele von ihnen noch arbeiten könnten. Allein in dieser Wahlperiode gibt die Bundesregierung hierfür acht Milliarden Euro aus. Das ist eine der teuersten Fehlentscheidungen in der jüngeren Sozialgeschichte.

Dabei verschlingt dieses Rentenpaket genau die Mittel, die nötig wären, um Menschen zu helfen, die aus verschiedenen Gründen nicht bis zum Alter von 67 Jahren arbeiten können.

Wie konnte es so weit kommen? Die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 hat vor einigen Jahren erhebliche politische Erschütterungen ausgelöst, die bis heute andauern. Die meisten lohnabhängig Beschäftigten empfinden es als kaum machbar, länger zu arbeiten, und dies ist durchaus nachvollziehbar: Rund die Hälfte aller Neurentner geht mit Abschlägen in den Ruhestand; lediglich neun Prozent arbeiten bis zur Regelaltersgrenze. Das tatsächliche Erwerbsaustrittsalter liegt nach Studien des Instituts für Arbeit und Qualifikation je nach Beruf zwischen 59 und 63 Jahren. Die verbreitete Wahrnehmung, bei der Rente mit 67 handele es sich um eine Rentenkürzung, hat also eine gewisse Grundlage.

Was wäre angesichts dieses Befundes zu tun? Zum einen sind die politischen Verfechter der Rente mit 67 gut beraten, alles dafür zu tun, dass Menschen auch tatsächlich die Chance haben, länger zu arbeiten. Hierzu gehören eine ausreichende Finanzierung von beruflicher Rehabilitation ebenso wie eine Anti-Stress-Verordnung und eine spezielle Arbeitsschutzstrategie gegen psychische Erkrankungen. Die Arbeitgeber – und hier gerade die kleinen und mittleren Unternehmen – investieren viel zu wenig in altersgerechte Arbeitsplätze, lebenslanges Lernen und den altersangepassten Umbau betrieblicher Abläufe.

Zum Zweiten brauchen wir sozialrechtlich abgesicherte, individuelle Übergangsregeln für diejenigen, die ihr Erwerbsleben unfreiwillig vor dem 67. Lebensjahr beenden. Der Verweis auf die Erwerbsminderungsrente als "Übergang" geht an dieser Stelle fehl. Viele Beschäftigte, die nicht mehr mit voller Kraft arbeiten können, sind deswegen noch lange nicht erwerbsunfähig. In der Realität verringern sich aber gerade die unterschiedlichen Wege in den Ruhestand: Die Altersrente wegen Arbeitslosigkeit und ein früherer Renteneintritt von Frauen sind weitgehend abgeschafft. Die geförderte Altersteilzeit ist ebenso wie die Sonderregelung für Langzeitarbeitslose ("58er Regelung") ausgelaufen. Die Teilrente in ihrer jetzigen Form kommt für viele nicht in Betracht, da sie sich die hohen Abschläge auf ihr Altersgeld schlichtweg nicht leisten können. Tarifliche oder betriebliche Regelungen konnten den Rückzug des Staates nicht ausgleichen.

Die Bundesregierung muss also die Regeln für einen flexibleren Eintritt in die Rente stärken und neue entwickeln. Der längere Verbleib im Arbeitsleben ist und bleibt hier eine Aufgabe staatlicher Sozialpolitik.

Immerhin fällt CDU und SPD auf, dass Hunderttausende die Rente mit 63 anstreben. Eine rasch einberufene Arbeitsgruppe soll Auswege finden. Eine Verbesserung von Zuverdienstmöglichkeiten für Teilrentner, der sich Union und SPD widmen wollen, ist ein Mosaikstein, reicht aber nicht aus. Die Erleichterung der Beschäftigung Älterer nach dem Erreichen der Altersgrenze ("Flexi-Rente") geht die Akzeptanzprobleme der Rente mit 67 gleich gar nicht an. Die finanziellen Spielräume sind durch das Rentenpaket eh dahin.

Das Beste, was man von der großen Koalition in der Rentenpolitik erhoffen kann, ist, dass sie künftig nur noch Kleinschäden anrichtet.