Als an diesem Donnerstag pünktlich um zehn Uhr die Tür in ihrem Büro aufgeht, huscht ein erleichtertes Lächeln über das Gesicht von Monika Lais. "Felix, da bist du ja!" Felix*, 16 Jahre, trägt ein lässiges Grinsen im Gesicht und ein schwarzes Base-Cap akkurat verkehrt herum auf dem Kopf. Er schließt die Tür hinter sich und begrüßt Lais mit Handschlag. Ein höflicher Junge. Ein Schulverweigerer. Einer von Monika Lais’ Fällen.

Man muss genauer hinhören, wenn Felix von seiner Schulschwänzerkarriere erzählt. In einer Mischung aus Mannheimer Dialekt und Jugendsprech lässt er die Namen von sieben Schulen fallen, die er in den letzten fünf Jahren besucht hat. Zumindest ab und zu. Er nennt zwei Jugendheime in Baden-Württemberg, aus denen er wieder verschwand. Und immer wieder sagt er: "Da bin ich dann auch nicht mehr hin."

So gesehen, ist es ein kleines Wunder, dass er jetzt hier ist, in dem hellen Büro der Jugendhilfeeinrichtung Förderband e. V. mitten in Mannheim. Zweimal pro Woche kommt Felix hierher, dann gibt ihm Monika Lais Nachhilfe. Wurzelziehen, Prozentrechnen, Grundrechenarten. Damit Felix doch noch einen Schulabschluss schafft. Das wäre das glückliche Ende eines langen Kampfes. Kein Lehrer, kein Betreuer oder Mitarbeiter des Jugendamtes hätte darauf gesetzt. Monika Lais schon. Sie ist Mitarbeiterin im Projekt "Zweite Chance" und kümmert sich um Schüler, die nicht mehr zur Schule gehen. In drei Jahren hat Lais fast sechzig Jugendliche begleitet, jeden von ihnen maximal eineinhalb Jahre. Jeder einzelne Fall für sich genommen würde ein Buch füllen, sagt sie.

Deutschlandweit haben etwa zwei Drittel aller Schulverweigerer ihre zweite Chance genutzt und einen Abschluss gemacht. Doch trotz aller Erfolge läuft das Programm in diesem Monat aus. Die Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) sind ausgegeben. In vielen Städten und Kommunen ist nicht klar, wie die aufwendige Arbeit mit den Schulverweigerern nun weiter finanziert werden soll. Gab es in Mannheim bisher etwa 70 Plätze für die notorischen Schwänzer, so sind es im Moment nur noch etwa 20. Ende Juni war dann auch für die letzten Teilnehmer Schluss. Für Monika Lais und Felix heißt das: Endspurt!

In ihren Chucks und Jeans wirkt die Sozialpädagogin eher wie eine Mischung aus älterer Schwester und Vertrauenslehrerin. Keinesfalls wie jemand, für den der "Fall Felix" ein Managementprojekt ist, das zwischen zwei Aktendeckel passen muss. Deshalb mag sie auch ihre Bezeichnung Case-Managerin nicht. Sie würde ihre Tätigkeit eher als Detektivarbeit beschreiben, weil sie so viele Details wie möglich zusammenträgt, kombiniert und daraus ihre Schlüsse zieht. "Man will ja verstehen, warum dieser Jugendliche einfach nicht mehr in die Schule geht", sagt Lais.

Bei Felix fing es mit der Trennung der Eltern an. Seine Mutter war mit der Erziehung der fünf Kinder überfordert und konnte Felix nicht mehr dazu bringen, morgens aufzustehen und zur Schule zu gehen. Er fand Freunde, die auch "lieber irgendwo abhingen", anstatt zum Unterricht zu gehen. Und wenn Felix doch mal in der Schule war, dann gab es "immer wieder Stress", wie der Junge sagt. Sucht man in seinen Unterlagen nach den Gründen, warum er von mehreren Schule flog, heißt es "Verhaltensauffälligkeit" oder "Schwierigkeiten im Sozialverhalten gegenüber den Lehrern und Mitschülern".

In der Pädagogik ist bei Schulverweigerern oft von "Multiproblemlagen" die Rede. Häufig zählen dazu Eltern, die selbst Probleme mit dem Schulsystem hatten. Und die ihre Kinder in schulischen Dingen kaum unterstützen können. "Das sind dann quasi Schulprobleme in der zweiten Generation", sagt Lais. Manchmal seien es aber auch die Kinder, die ihre Eltern fest im Griff hätten. Mütter oder Väter würden dann lieber ihre Kinder in der Schule entschuldigen, als einen Konflikt mit dem Nachwuchs auszutragen. Hinzu kommen ständige Misserfolge und Niederlagen in der Schule. Manche Kinder hielten dem Leistungsdruck schon in der Grundschule nicht mehr stand, sagt Lais. Und litten in der weiterführenden Schule nicht selten unter dem Gefühl, an einer "Reste-Sammelschule" gelandet zu sein. Das Ergebnis seien Klassen voller Schüler, die die Lehrer schon in der fünften Klasse als "verhaltensoriginelle Individuen" beschreiben. Und das nicht mal böse meinen.

"Ich bin jetzt wieder im Schul-Flow", sagt Felix, der kurz vor seinem Abschluss steht

Lehrer wissen ja, wie oft hinter ständiger Störung im Unterricht der verzweifelte Ruf nach Aufmerksamkeit steckt. Oder welche Kinder lieber wegen ihrer Aggressivität aus der Klasse fliegen, als sich vor den Mitschülern in Mathe an der Tafel zu blamieren. Die Zeit, um solche Schulprobleme rechtzeitig und richtig anzugehen, fehle viel zu oft, sagt Monika Lais. "Jugendliche, die irgendwann die Schule ganz verweigern, sind die großen Verlierer des Bildungssystems."