Der Trekking-Guide macht eine schnelle Bewegung mit zwei Fingern über den Hals: "Man sollte die Frau umbringen. In diesem Jahr den Everest zu besteigen! Respektlos! Nach dem, was im April passiert ist." Er nimmt einen tiefen Schluck aus der Bierdose und blickt finster über den Tresen. Zwischen Snickers- und Twix-Packungen steht ein Miniaturschlagzeug mit aufgeklebter Rolling-Stones-Zunge im Kiefernholzregal. R.E.M. und U2 dröhnen aus den Lautsprechern. Eine Gruppe lautstarker australischer Bergwanderer, gehüllt in eine krude Mischung aus Funktions- und Ethno-Kleidung, umlagert den Kicker oder fummelt mit Smartphones herum. Ein normaler Abend im Irish Pub von Namche Basar, dem inoffiziellen Hauptort der Region Khumbu. Draußen hinter der Glastür spiegelt sich der giftgrüne Schriftzug des Lokals auf dem nassen Fell eines Yaks, das, ungerührt vom Dauerregen, seinen dampfenden Atem in die kalte Luft stößt.

Zum Ende der Frühjahrssaison schlägt das Wetter in der Region am Everest oft plötzlich um. Dass es der Chinesin Wang Jing kurz zuvor noch gelungen ist, den Gipfel zu erklimmen, hat viele Einheimische vor den Kopf gestoßen. Denn für dieses Jahr waren alle Besteigungen von der nepalesischen Südseite abgesagt worden, nachdem sich am 18. April Schnee- und Eismassen am Khumbu-Eisbruch gelöst und 16 Menschen in den Tod gerissen hatten. Fast alle waren Sherpas. Nicht "Träger", wie die Bezeichnung im Westen oft fälschlich verwendet wird, sondern Angehörige eines Volkes, das vor sechs Jahrhunderten aus Tibet nach Khumbu an Nepals Nordgrenze eingewandert ist. Viele arbeiten tatsächlich als Bergführer; doch sie sind längst nicht mehr bloße Gehilfen der internationalen Gipfelstürmer.

Die Tragödie hat die Sherpas traumatisiert. Mit dem folgenden "Streik" und ihrer Forderung nach besseren Lebensversicherungen demonstrierten sie ihre Macht am höchsten Berg der Erde. Hunderte Extremtouristen mussten ihre Reisen stornieren. Was die Besucher darüber denken, lässt sich in zahllosen Blogs und Zeitungsartikeln lesen. Wie die Menschen im Schatten des Everest mit dem Risiko leben, welche Folgen der Gipfeltourismus für ihre Kultur hat, bleibt verborgen. Ich will es bei einer Wanderung durch das Land der Sherpas erfahren: nicht zum Everest, nicht einmal zum Base-Camp zu seinen Füßen, wohin es die meisten Trekking-Touristen in Khumbu zieht. Sondern zu den Gokyo-Seen auf knapp 5.000 Meter Höhe. Auf diesem Weg wandern die Einheimischen – jedenfalls die Hirten unter ihnen. An den Ufern des Sees weiden sie ihre Yak-Herden.

Khumbu ist Wandergebiet; nur so kommt man voran. Straßen gibt es nicht. Wohl aber gut gepflasterte alte Handelswege. Wie die meisten Besucher bin ich mit einer Propellermaschine von Kathmandu nach Lukla im Nordosten Nepals geflogen. Ein langer Tagesmarsch führte mich dann durch Rhododendron- und Kiefernwälder, durch kleine, mediterran wirkende Dörfer hinauf nach Namche Basar.

Der Ort ist ein südasiatisches Ischgl auf 3.450 Meter Höhe: voller deutscher Bäckereien, überquellender Wi-Fi-Bars, Kletter- und Trekking-Läden. Durch die steilen Gassen irren Alpinisten mit sonnenverbrannten Nasen auf der Suche nach der besten Pizzeria. Dürre Westeuropäer mit Teleskopstöcken und blassen Waden debattieren über die richtige Akklimatisationsdauer für die bevorstehende Kurzexpedition. Die örtliche Jugend lungert mit Baseballkappen in den Cafés herum und kloppt Karten. Ältere Frauen, in Trachtenimitate gekleidet, verkaufen unter den Vordächern ihrer Läden Souvenirs.

Fast jeder, den ich an diesem verregneten Abend in dem Ort frage, hat bei dem Drama am Khumbu-Eisbruch Verwandte oder Bekannte verloren. Auch der Guide im Irish Pub. Der Mann heißt Pasang. Fünf Freunde seien am Gletscher verunglückt, erzählt er, während er von Dosenbier zu einheimischem Arrak wechselt. Er war selbst an diesem Tag am Everest, allerdings tausend Meter tiefer. Pasang führt seit acht Jahren australische Wandergruppen durch Khumbu. Meist geht es zum Everest-Base-Camp. Der Ausgangspunkt für den südlichen Aufstieg zum höchsten Gipfel der Welt ist selbst ein beliebtes Reiseziel geworden. Auch manche Sherpas steigen nicht höher, weil der Berg ihnen heilig ist. Pasang hat dafür praktischere Gründe. "Trekking ist einfach sicherer als Klettern", sagt der Vater einer dreijährigen Tochter. 30 Euro verdient er damit am Tag – ein stattlicher Lohn für nepalesische Verhältnisse.

Aber oft nerve der Job: "Nach zwei Wochen Wandern kann ich diese Leute nicht mehr sehen." Er nickt hinüber zu einem kräftigen Mädchen aus seiner Gruppe, das, wie in Trance im Takt der Musik schwingend, allein eine Tüte Chips futtert. "Die Australier sind unhöflich. Denken nur an sich. Sie haben keine Kultur."

Das würde Pasang von sich nicht sagen. Er sei religiös, betont er. Aber auch hin- und hergerissen zwischen Tradition und Moderne. Die überlieferten Rituale, der Glaube an Horoskope, das sei doch alles gar nicht umsetzbar für einen Mann, der sein Leben nach internationalen Flugplänen ausrichten muss. "Und so geht es den meisten in meiner Generation. Viele sind in Kathmandu zur Schule gegangen. Oder leben im Ausland. Sie geraten unter Druck, wenn sie hierher zurückkommen. Haben Mühe, die richtigen Mantras zu sprechen. Sich bei Klosterfesten korrekt zu verhalten." Er stürzt das Glas mit dem milchigen Schnaps in einem Zug hinunter. Später wird er noch mit seinen Australiern tanzen, auf dem Biertisch des Irish Pub.

In Namche Basar trennen sich die drei wichtigsten Trekking-Routen, die Khumbu durchqueren. Der Weg ins Everest-Base-Camp führt nach Nordosten. Im Nordwesten geht es durch das Thame-Tal nach Tibet. Dazwischen liegt die Route zu den Gokyo-Seen.

Diesen Weg schlage ich ein. Durch Fadenregen steige ich den sandigen Hang über dem Ort hinauf. Die Stimmung ist herbstlich. Wasser rinnt in meine Wanderstiefel. Nebelschwaden senken sich über das Wacholdergestrüpp. Ein klatschnasser Mönch in roter Robe kommt mir entgegen. Ein Mädchen in blauer Schuluniform. Beim Dorf Syangboche zupfen Kühe das dürre Gras von einer verlassenen Rollbahn. Der Flugplatz wird kaum mehr genutzt, seit die Lodge-Besitzer in Namche Basar gegen ihn protestierten. Die Abkürzung ins Hochgebirge hatte ihr Geschäft verhagelt. Irgendwo im Dunst dahinter liegt das noble Everest-View-Hotel, das besonders bei japanischen Touristen beliebt ist – nach eigenen Angaben das höchstgelegene Hotel der Welt.