Es ist ein WM-Montag, und im fernen Brasília bereitet sich die Fußballnationalmannschaft auf ihr Gruppenspiel gegen Kamerun vor. In Pindoba, 2000 Kilometer weiter nördlich, findet vorher noch ein ganz anderer Wettkampf statt: Zwei Mädchenmannschaften – die einen in Lila, die anderen in Orange – treffen in der Mittagsschwüle aufeinander. Sie spielen zwei Halbzeiten, je 20 Minuten, mit bitteren Zweikämpfen und großem Gebrüll. "Vor einem guten Jahr fanden viele Familien es noch undenkbar, dass die Mädchen Fußball spielen", sagt Elivanda Vieira, die als Trainerin arbeitet. "Jetzt lernen sie mit jedem Spiel, dass Frauen stark sind, kämpfen und sich durchsetzen können."

Pindoba ist ein 4000-Seelen-Ort an der brasilianischen Nordostküste, gegründet von ehemaligen Sklaven und 40 Autominuten entfernt von der nächsten großen Stadt. Die Gegend ist arm, soziale Spannungen an der Tagesordnung. Es gibt Gewalt in den Familien, Gewalt unter Jugendlichen und Drogenmissbrauch. Minderjährige prostituieren sich, um ihre Drogen bezahlen zu können.

"Wir benutzen das Fußballspielen, um den Mädchen Selbstvertrauen zu geben", sagt Dirk Hegmanns, der in Brasilien für das Kinderhilfswerk Plan International Projekte auflegt. "Sie lernen, dass sie etwas können, was eigentlich früher als ein Männersport galt – aber wir nutzen den Fußball auch, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen."

Einmal in der Woche veranstaltet Plan ein Fußballtraining in Pindoba, und an einem anderen Tag der Woche nehmen die Mädchen an Gesprächskreisen über Gewaltprävention und Sexualerziehung teil. Plan betreibt 50 unterschiedliche Sozialhilfeprojekte in Brasilien, "aber die Fußballprojekte machen hier eigentlich alle am liebsten", sagt Hegmanns und lacht.

Dass das Fußballspielen gewaltige soziale Kräfte freisetzt, dass man beim Sporttreiben Fairness und Selbstbewusstsein und jede Menge sozialverträglicher Eigenschaften erlernen kann – das weiß jeder Vereinstrainer auf der Welt. Das Problem ist, dass sich die internationalen Sport-Großereignisse – die Fußball-WM, der europäische Vereinswettbewerb Uefa-Cup, die Olympischen Spiele – weit von solchen Wurzeln entfernt haben.

170.000 Sicherheitskräfte schützen die teuerste WM aller Zeiten

Den Veranstaltern war das bisher weitgehend egal: Der Weltfußballverband Fifa und andere verdienten viel Geld, ihre Sponsoren und Werbeträger waren zufrieden, und die Gastländer – angetrieben von Wirtschaftsinteressen – überboten sich, um einen Großwettkampf austragen zu dürfen. Doch jetzt, im Sommer 2014, hat diese Geschäftslogik einen Knacks bekommen: In Brasilien müssen derzeit 170.000 Sicherheitskräfte die bisher teuerste WM aller Zeiten vor Demonstranten schützen, und um die nächsten Austragungsorte für WM und Olympische Spiele ist eine kontroverse Debatte entbrannt. Sponsoren fragen sich, ob Weltspiele noch das rechte Werbeumfeld bieten – wenn auch meist nur hinter den Kulissen.

Trotzdem hat bereits eine Suche nach alternativen Geschäftsmodellen begonnen: "Sportereignisse müssen wieder kleiner werden", sagt Ray Coakley, ein Forscher an der Universität Colorado und Verfasser eines Standardwerks zur Sportsoziologie. "Sie müssen wieder näher an die Vereins- und Sporttraditionen der Gastgeberländer herangeführt werden, um noch zu funktionieren."

Das ist leichter gefordert als getan. Viele Kritiker der Sportverbände und manche Business-Berater fordern in diesen Tagen, dass schon bei der Bewerbung um eine Fußball-WM oder um Olympische Spiele vieles anders werden müsse: Künftig solle nicht mehr das Land gewinnen, das die spektakulärste Show, die beste Infrastruktur oder den größten Komfort verspreche – sondern lebendige Sporttraditionen sollten den Ausschlag geben und vielfältige soziale, kulturelle oder Naturprojekte.

Die Verbände entgegnen, dass es wohltätige Projekte längst gebe: Der Weltfußballverband hat in den vergangenen Jahren 20 sogenannte "Football for Hope"-Zentren aufgebaut, der Deutsche Fußball-Bund richtet gemeinsam mit örtlichen Nichtregierungsorganisationen Sportcamps aus, sogar die deutsche Nationalmannschaft betreibt ein kleines Sozialprojekt.