Noch ein Buch über die Folgen von 68, und dann gleich tausend Seiten? Der Abwehrreflex löst sich schnell auf, und man liest sich gleich fest in Sven Reichardts von Geschichten überquellender Geschichte des "linksalternativen Milieus" der siebziger und frühen achtziger Jahre. Detailreich und zahlenfest breitet der Konstanzer Historiker die Facetten der bunten Ausläufer der Studentenbewegung von 67/68 aus, die die Bundesrepublik stärker geprägt haben als die K-Gruppen. Wirksam werden konnte dieses westdeutsche "Milieu" – Reichardt schreibt ihm in seiner Hoch-Zeit drei bis fünf Millionen jugendlicher Bürger und Sympathisanten aus allen Altersgruppen zu – wohl nur, weil viele aus der Kohorte der 68er den "langen Marsch durch die Institutionen" angetreten hatten, in den Medien, den Kirchen, den Parteien (so gewann etwa die SPD in jenen Jahren der Fundamentalrevision 700.000 neue Mitglieder). Ohne ein allgemeines Klima des Aufbruchs hätten die Wohngemeinschaften, die Kinderläden, die handwerkelnden Genossenschaftler, die Landkommunen, hätten der Feminismus und die reformpädagogischen Experimente nicht ihre prägende Kraft gewinnen können.

Wenn man unbedingt ein Geschichtsdatum für den Beginn dieses Wandels braucht, dann wäre es nicht der 2. Juni 1967, an dem der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde, sondern eher der 28. Januar 1978. An diesem Tag fand in Berlin der "Tunix"-Kongress statt, ein Treffen von 5000 "Spontis", die der bleiernen Atmosphäre zu entkommen suchten, die sich nach Berufsverboten, dem Scheitern der Kaderpartei-Karikaturen, dem RAF-Terrorismus über die Szene gelegt hatte. Und das nicht durch angestrengtes Theoretisieren über den "subjektiven Faktor", sondern durch eine soziale Praxis des Hier und Jetzt, die "Politik in der ersten Person".

Reichardt zeigt: Es war ein Bruch und doch keiner. Mochten die neuen Experimentatoren erst durch die polemische Abstoßung von den illusionstrunkenen K-Gruppen und den theoretisierenden Apo-Opas ihr inneres Profil schärfen, sie zehrten doch von der akademischen Revolte, den Gedanken, Parolen, Theorien der Sechziger. Und griffen, wie Reichardt erzählt, noch weiter zurück: Kinderläden ließen sich von der psychoanalytischen Pädagogik der frühen Sowjetunion inspirieren; Lebensreformer waren die geistigen Enkel der Monte-Veritá-Kommunen; Gorleben-Aktivisten griffen auf den Heidegger-Schüler Günter Anders zurück; und auch die Anti-Psychiatrie-Gruppen und die Neu-Mystiker waren Wiedergänger aus der langen Geschichte des Einspruchs gegen die kommerzielle Kälte, das entfremdende Zerreißen der Lebenszusammenhänge, die Naturvergessenheit, die kulturelle Armut der Moderne. Dieser "Wärmestrom" – Reichardt übernimmt den Begriff Ernst Blochs – floss seit der Romantik, in der Literatur, aber auch in den Genossenschaften, in der Jugendbewegung, im Bauhaus, in Fraktionen der Arbeiterbewegung, in lebensreformerischen Grüppchen und Sekten, in künstlerischen Avantgarden.

Die Aktivisten der siebziger Jahre wollten nicht länger das Ganze – ohnehin ein unhandliches Objekt – im Direktgang revolutionieren, sondern machten sich daran, Inseln des Neuen im kalten Meer des Status quo zu gründen. Nicht der Kampf gegen die repressiven Institutionen stand nun auf der Agenda, sondern die Gründung von neuen, lebenswerten – wenn denn, nach Arnold Gehlen, Institutionen, die Dauer haben sollen, sich an vitale Lebensbedürfnisse anlehnen müssen. In Wohngemeinschaftsküchen lebte der Geist der Großfamilie auf; Stadtteilgruppen setzten sich gegen Kahlschlagsanierungen zur Wehr und fanden neue Formen für den bürgerlichen Gemeinsinn. In Wilhelm Reichs Schriften fand man die Apotheose des Orgasmus, aber auch eine scharfe Kritik des kommerzialisierten Trieblebens und des "bürgerlichen" Sadomasochismus: "Bürgerliche Bumsgesuche werden nicht angenommen", so hieß es im Kleinanzeigenteil einer Alternativzeitung – um nur einen der Hunderte schöner Funde aus Reichardts tiefen Grabungen in den Protokollen und Erinnerungen, Flugblättern und Selbstdarstellungen jener Zeit zu zitieren.

Was den großen politischen Bewegungen der traditionellen Linken und der Rechten nicht mehr gelang – innerhalb der "kalten" Gesellschaft "warme" Gemeinschaft zu schaffen, hier nahm es im Überschaubaren Form an. Und es entstanden neue Gestalten des radikalen Einspruchs: die taz, die Grünen, das Netzwerk Selbsthilfe, die Antiatombewegung, die gelehrten Gegenöffentlichkeiten wie das Öko-Institut. All dies wurde von der neuheitshungrigen "bürgerlichen" Presse aufgegriffen und verbreitet. Und vieles scheiterte, auch das berichtet Reichardt: an der Beharrungskraft des Alten, und weil da eben keine "neuen Menschen" agierten, sondern ganz normale. Entsprechend schrill, skandalträchtig oder einfach komisch fiel denn so mancher Sturmlauf gegen die – morschen – bürgerlichen Bastionen aus. Hier gibt es in dem dicken Buch genug Stoff zum Lachen oder zu schreckender Erinnerung – an die Tausende ungespülter Tassen, die strickenden Männer, die Frühschriften heutiger Welt-Herausgeber ("Zu einem ordentlichen Idioten gehört eine ordentlich idiotische Kleidung wie eine ordentliche Frau ...") – oder an die eigenen Peinlichkeiten. Und die Jüngeren, für die Kinderläden, Schwulenküsse, Freie Schulen, Makrobiotik, Mülltrennung oder Begrüßungsküsschen nichts Exotisches an sich haben, können einen Blick auf die Irrungen und Wirrungen ihrer Eltern werfen, an deren Ende derlei Errungenschaften standen.

Viele Geschichten, die Reichardt erzählt, zeigen: Die Grenze war und ist dünn zwischen der geschlossenen Gegenwelt und dem Selbstverständnis der alternativen Akteure und ihrer Indienstnahme als Trüffelschweine einer damals aufkommenden Lebensstil-Industrie, die in den protestkulturellen Innovationen ebenso viele Marktlücken einer satten Gesellschaft entdeckte, nur um sie mit neuen Waren zuzuschütten, die Authentizität auf die Alternative zwischen Nike und adidas und die Gemeinschaft auf die Fanmeilen herunterzuökonomisieren.

Gesellschaftliche Transformationen lösen sich bei näherer Betrachtung in viele kleine, oft widersprüchliche Geschichten auf; deshalb legt dieses Buch, anders als die Bekenntnis- und Abrechnungsliteratur der Veteranen, dem Leser nicht eine, sondern viele Lesarten des Jahrzehnts nahe. Der intellektuelle Gewinn von Reichardts Habilitationschrift liegt denn auch in seiner heiter-epischen Demonstration der Dialektik von Kontinuität und Bruch, von "Auswandern" und Integration. Einzigartig waren weniger die Motive der sozialen Rebellen als die Gesamtkonstellation, in der sie wirksam werden konnten: ein Wohlstand, der verlängerte Pubertäten möglich machte; eine Bildungsexplosion, die die Ausgaben für Bildung in fünf Jahren verdoppelte; Desillusionierung über die westlichen Werte, die in Vietnam verbrannt wurden, und die realsozialistischen, die in Prag überrollt wurden.

Ob es die Hunderte von kleinen und großen Umweltgruppen waren, die Propagandisten eines asketischen Lebens, die ersten Pioniere einer Post-Wachstumsgesellschaft: Die "grass roots" reagierten sensibler, klüger auf die beginnende Zivilisationskrise als die Eliten. So ist es bis heute; und wenn es etwas auszusetzen gibt an Reichardts dickem Buch, dann an der Gewichtung der frühen Ökobewegung, in der sich Wissenschaft, Verzweiflung, Kulturkritik und Esoterik mischten. Vielleicht war das ja nicht so sehr ein Ausdruck "psychischer Ambivalenzen", sondern die Suche nach einem neuen, nicht positivistisch halbierten Weltbild.

So viel jugendlicher Aufwand, so viele biografische Opfer für ein wenig Zivilität? Auch das kann man aus dem dicken Buch gewinnen: Vertrauen auf den langen Atem, gemischt mit ein wenig historischer Demut.