Anders gesagt: Ebenso sehr wie um Handel geht es in diesem Handelsabkommen um nationale Selbstbestimmung. Und um die Frage, wie transparent Politik und Wirtschaft für den einzelnen Bürger noch sind.

Man erkennt das zum Beispiel an einem geplanten Kapitel des Abkommens, bei dem nicht Nahrungsmittel oder Automobile im Vordergrund stehen, sondern Unternehmen als solche. Es geht um den sogenannten Investitionsschutz.

TTIP soll europäischen Unternehmen die Möglichkeit einräumen, die USA zu verklagen, wenn sie das Gefühl haben, von der amerikanischen Regierung ungerecht behandelt worden zu sein. Umgekehrt sollen amerikanische Investoren das Recht erhalten, die Staaten der EU zu verklagen.

Es erscheint überraschend, weshalb dafür ein Abkommen nötig sein soll. Weder in Amerika noch in Europa besteht ein Mangel an ordentlichen Gerichten, vor denen ein Unternehmen eine Klage einreichen kann, auch gegen die jeweilige Regierung.

Genau das aber ist das Problem: TTIP soll den Unternehmen ermöglichen, die staatlichen Gerichte zu umgehen und stattdessen vor sogenannte Schiedsgerichte zu ziehen, wie es sie seit Jahrzehnten gibt, um Wirtschaftsstreitigkeiten zu klären (siehe das Dossier in der ZEIT Nr. 10/14).

Auch vor diesen Schiedsgerichten gibt es einen Kläger und einen Beklagten, es treten Zeugen und Sachverständige auf, aber da sind die Gemeinsamkeiten mit staatlichen Gerichten auch schon zu Ende. Die Richter nämlich sind keine Beamten, nicht einmal Angestellte, sondern private Anwälte, die von den Streitparteien für das jeweilige Verfahren berufen werden. Sie treffen sich in einem Raum ohne Zuschauerbänke, denn die Schiedsgerichte tagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Urteil ist unabänderlich, es gibt praktisch keine Möglichkeit, Berufung oder Revision einzulegen.

Das Kalkül hinter den Investitionsschutzabkommen ist leicht zu erkennen: Ein Staat entmachtet ein Stück weit seine eigenen Gerichte in der Hoffnung, dadurch mehr ausländische Investoren ins Land zu locken. Derzeit sind weltweit mehrere Hundert Klagen von Unternehmen gegen Staaten vor Schiedsgerichten anhängig.

Der schwedische Energiekonzern Vattenfall, Betreiber der stillgelegten deutschen Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel, klagt zum Beispiel gegen die Bundesrepublik wegen des Atomausstiegs. Vattenfall hat diese Möglichkeit, weil zwischen Deutschland und Schweden für den Energiebereich bereits ein Investitionsschutzabkommen existiert.

Der Tabakkonzern Philip Morris klagt gegen Australien wegen dessen Anti-Raucher-Gesetzgebung.

Der Bergbaukonzern Lone Pine klagt gegen Kanada wegen eines Fracking-Moratoriums.

Man fragt sich, was sich eine Regierung noch erlauben kann, ohne vor einem Schiedsgericht zu landen.

Rund um die Erde gibt es mittlerweile 3.000 Investitionsschutzabkommen. Zwischen den USA und der EU existiert noch keines. TTIP soll das ändern. Darin sind sich Amerikaner und Europäer einig. Vor allem amerikanische und europäische Wirtschaftsverbände.

Bei einem Treffen mit Vertretern der Europäischen Kommission sagte der Geschäftsführer des European Services Forum, eines Netzwerks von rund zwei Dutzend europäischen Konzernen, unter ihnen die Deutsche Bank, die Deutsche Telekom, Siemens und DHL, die Industrie werde sich "jeglicher Einigung widersetzen", in der der Investorenschutz gegenüber den öffentlichen Interessen ins Hintertreffen gerate. So geht es aus einem internen EU-Bericht hervor.

Die US Chamber of Commerce wiederum, die amerikanische Handelskammer, gab in einer offiziellen Stellungnahme bekannt: "Die Kammer besteht darauf, dass die Vereinigten Staaten und die EU diese Bestimmungen in das Abkommen aufnehmen."

Zwar üben einige europäische Regierungsmitglieder mittlerweile scharfe Kritik am Investorenschutz, auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, die EU-Kommission aber hält weiter an dem Konzept fest.

Schiedsgerichtsklagen ermöglichen es Unternehmen, für unliebsame Gesetze entschädigt zu werden. Noch lukrativer ist es für sie, wenn solche Gesetze gar nicht erst verabschiedet werden. Besser, als vorhandene Hügel einzuebnen, ist es, erst gar keine aufzuschütten.

Auch dafür könnte TTIP europäischen und amerikanischen Konzernen neue Möglichkeiten bieten.

Zum Beispiel die Möglichkeit, die Arbeit von Werner Kloas zu ignorieren.

Vor seinem Bürofenster im Berliner Stadtteil Friedrichshagen stehen alte Bäume, dahinter liegt der Müggelsee. Das Wasser glitzert in der Sonne, aber wer weiß, was sich darin wieder verbirgt.

Kloas, 55, ist Biologe am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er gilt als einer der weltweit führenden Experten bei der Erforschung sogenannter endokriner Disruptoren. Das sind Stoffe, die die Entwicklung eines Lebewesens schwer beeinträchtigen können. Aufgelöst in Wasser, kann man sie meist weder sehen noch riechen.

In Kloas’ Labor steht eine Reihe von Aquarien, in jedem schwimmt ein grauer Afrikanischer Krallenfrosch. Kloas gab die Chemikalie Bisphenol A, von der er mehr und mehr in deutschen Flüssen und Seen findet, in das Wasser der Aquarien, dann nahm er das Quaken der Frösche auf.

Die Frösche quakten nun weicher und höher als zuvor. Kloas spielte das neue Geräusch weiblichen Fröschen vor. Normalerweise reagieren sie sofort auf den Fortpflanzungsruf der Männchen, sie schwimmen dem Lautsprecher entgegen. Jetzt verharrten sie ungerührt.

Kloas sezierte die Männchen unter dem Mikroskop. In ihren Hoden fand er keine Samenzellen, sondern Eier.

Jedes Jahr werden weltweit rund vier Millionen Tonnen Bisphenol A hergestellt. Es ist eine der meistproduzierten Chemikalien weltweit, der Ausgangsstoff für zahlreiche Kunststoffprodukte. Plastikfolien, Plastikdosen, Plastikflaschen, Plastikbälle, Badeschlappen, Duschvorhänge, Konservenbüchsen, in allem steckt Bisphenol A.

Sollte diese Chemikalie einmal verboten werden, hätten die europäische und die amerikanische Industrie ein ernstes Problem.

Das ist die Verbindung zwischen TTIP und der Forschung von Werner Kloas.

Nun mag man einwenden, es sei ein wenig übertrieben, wegen einiger verwachsener Frösche eine Chemikalie zu verdammen. Allerdings sind Kloas’ Studien nur einer der neuesten Hinweise in einer langen Kette von Indizien. Es gibt auch Untersuchungen über Menschen, über amerikanische Jungen zum Beispiel, deren Mütter während der Schwangerschaft besonders viel Essen aus Plastikverpackungen zu sich nahmen. Die Jungen hatten unterdurchschnittlich entwickelte Penisse. Es gibt eine Untersuchung über die Fruchtbarkeit von jungen Männern aus Leipzig und Hamburg. "Die Hälfte hat eine eingeschränkte Zeugungsfähigkeit", sagt Werner Kloas. Wegen Bisphenol A?

Kloas ist keiner, der zu vorschneller Panik neigt. Erst vor Kurzem wurde er von Umweltschützern scharf attackiert, weil er ein Pflanzenschutzmittel für unbedenklich erklärte. Bei Bisphenol A aber ist er anderer Meinung.

Der Verkauf von Babyflaschen mit Bisphenol A ist in der EU bereits verboten. Die schwedische und die französische Regierung haben die EU-Kommission nun aufgefordert, den Gebrauch der Chemikalie weiter einzuschränken.

Die Frage ist, ob dies nach Abschluss des Freihandelsabkommens noch durchzusetzen ist.

Im Dezember 2013 gelangte ein internes EU-Papier an die Öffentlichkeit, aus dem hervorging, dass die Kommission bereit wäre, im Rahmen des Handelsabkommens künftig ein europäisch-amerikanisches Gremium einzurichten, einen Regulierungsrat, dessen Arbeitsgruppen auch Wirtschaftsvertreter von beiden Seiten des Atlantiks angehören sollen.

Die EU-Kommission nennt das: "regulatorische Kooperation". Der ZEIT liegt dazu ein weiterer geheimer Entwurf der Kommission vom 5. März 2014 vor. Demnach soll "der jeweils andere" konsultiert werden, wenn "Maßnahmen dessen Marktteilnehmer berühren".

Das würde bedeuten: Bevor das Europäische Parlament oder die Regierung in Berlin von neuen Brüsseler Verordnungen erfährt, wären die USA bereits informiert. Die Amerikaner wären sozusagen offizieller Teil der europäischen Demokratie.

Kenneth Haar steht in der Avenue de Cortenbergh in Brüssel. Hausnummer 168. Er hebt den Kopf, sein Blick gleitet an poliertem Granit entlang über das blitzende Glas eines Hochhauses. Dort oben haben die Lobbyisten von Business Europe ihren Sitz. Haars Gegner.

Kenneth Haar ist ein Anti-Lobbyist. Er lobbyiert gegen die Lobbys. Der 49-jährige Däne arbeitet für die Organisation Corporate Europe Observatory, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Einfluss von Konzernen und Unternehmensverbänden auf die europäische Politik öffentlich zu machen.

Haar ist in Brüssel unterwegs, um zu zeigen, wie präsent die Lobbys hier sind. Er läuft die Straße entlang, nach ein paar Minuten erreicht er die Rue de Commerce, dort arbeiten die Vertreter der deutschen Chemieindustrie, ein paar Schritte weiter findet sich die European Banking Federation und gleich um die Ecke, in der Rue du Trône, die American Chamber of Commerce.

Das Corporate Europe Observatory, das selbst in Brüssel sitzt, hat ermittelt, wie viele Lobbyisten hier für all die Wirtschaftsverbände arbeiten. Das Ergebnis: mehr als 15.000.

So wie die Vertreter von Wirtschaft und Regierungen hat auch Kenneth Haar eine Geschichte über TTIP zu erzählen. In seiner Geschichte geht es nicht um Wohlstand für alle, sondern um die Macht der wenigen und die Ohnmacht der vielen. Die wenigen sind die großen europäischen und amerikanischen Konzerne, die sich hinter verschlossenen Türen die Politik gefügig machen. Man könnte diese Geschichte für überzogen halten, hätte die EU-Kommission in den vergangenen Monaten nicht einiges unternommen, um sie mit Wahrheit zu füllen.

Vor Beginn der Verhandlungen veröffentlichte die Kommission eine Stellungnahme mit dem Titel "Transparenz in den EU-Handelsgesprächen". Darin heißt es: "Die Ansichten der Zivilgesellschaft spielen eine zentrale Rolle in der Vorbereitungsphase der Verhandlungen."

Mit Zivilgesellschaft sind in der Regel verschiedene gesellschaftliche Gruppen wie Gewerkschaften, Industrieverbände, Umweltorganisationen, Verbraucherschützer und Kirchen gemeint.

Tatsächlich fanden, wie aus einer Anfrage des Corporate Europe Observatory hervorgeht, von Januar 2012 bis April 2013, also bis kurz vor Beginn der TTIP-Verhandlungen, 130 Treffen zwischen der EU-Kommission und Vertretern der Zivilgesellschaft statt. Bei 119 dieser Treffen allerdings waren die Gesprächspartner Wirtschaftslobbyisten, am häufigsten wurden Mitarbeiter des Arbeitgeberverbandes Business Europe, des Verbandes der europäischen Automobilhersteller ACEA und der American Chamber of Commerce empfangen.

Das Konzept der EU-Kommission für den sogenannten Regulierungsrat lag nahe an den Vorschlägen der Industrievertreter. Die EU-Forderungen zum Finanzmarkt hätten die Banken selbst nicht besser formulieren können, wie kürzlich ein britischer Bankenvertreter in einem Blog-Eintrag lobte. In einer TTIP-Stellungnahme an die EU-Kommission hatte der Bundesverband deutscher Banken detailliert aufgelistet, welche amerikanischen Finanzmarktreformen mithilfe von TTIP zu lockern oder zu beseitigen seien. Vorsitzender des Bundesverbandes ist Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank.

Schreibt die EU-Kommission tatsächlich aus Industriepapieren ab? Man kann darüber nur Mutmaßungen anstellen. Verhandlungstexte, erste Entwürfe, Positionspapiere, all das hält die Kommission unter Verschluss. Selbst die Beamten der Mitgliedsstaaten bekommen kaum Einblick in die Dokumente.

Ein interner Bericht, den ein deutscher Diplomat am 10. Juni an die Berliner Ministerien geschickt hat und der der ZEIT vorliegt, beschreibt das so: Die Kommission beabsichtige, die neuesten Vertragsentwürfe den Vertretern der Mitgliedsstaaten lediglich "jeweils einen halben Tag lang" zur Einsicht vorzulegen. "KOM informierte, dass spätestens in zwei Wochen ein Leseraum eingerichtet werde. Die Zahl der Leseplätze sei begrenzt." Mit KOM ist die EU-Kommission gemeint.

Weiter heißt es in dem Bericht, technische Hilfsmittel wie Smartphones, Laptops und Aufnahmegeräte seien in dem Leseraum verboten, um jegliche Aufzeichnung der Texte zu verhindern. Bei den Anmeldungen gelte "das Windhund-Prinzip". Soll heißen: Wer zu spät kommt, hat Pech.

Spätestens im kommenden Jahr soll der TTIP-Vertrag zur Unterschrift vorliegen. Dann müssen der amerikanische Kongress und das Europäische Parlament dem Papier zustimmen. Es wird der Moment sein, in dem die geheimen Vertragstexte öffentlich werden. Der Moment, in dem sich entscheidet, ob die Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft Wirklichkeit wird. Der Moment, in dem die Planierraupen starten oder stehen bleiben.

Noch während die europäische Öffentlichkeit sich fragt, was sich hinter TTIP verbirgt, drängen die globalen Konzerne die US-Regierung und die EU-Kommission, ein weiteres Handelsabkommen abzuschließen. Diesmal finden die Verhandlungen nicht in Brüssel und Washington statt, sondern in Genf. Diesmal sollen nicht allein die USA und die EU die Vertragspartner sein, sondern rund 20 weitere Staaten, unter ihnen Japan, Kanada, Australien, Mexiko und Südkorea. Diesmal stehen nicht Nahrungsmittel und Automobile im Vordergrund, sondern Dienstleistungen.

Trade in Services Agreement (Abkommen zum Dienstleistungshandel), kurz Tisa, so nennt sich der geplante Vertrag.

Es wird um den Handel mit Kontodaten gehen, um Versicherungen, Postdienste und den Zuzug von Arbeitskräften. So viel weiß man schon. Und dass sich die Verhandlungspartner in den Papieren gegenseitig als "wirklich gute Freunde der Dienstleistungen" bezeichnen.

Alles andere ist streng vertraulich.