Eigentlich wollte Maxym Liakhov in der Schweiz nur in Ruhe studieren und arbeiten. Er, der gelernte Betriebswirt, hatte genug von den Zuständen in seiner Heimat. Von der Korruption, von der Vetternwirtschaft. Also bewarb er sich für einen Platz an der Hotelfachschule in Zürich, in jener Stadt, wo ein paar seiner Verwandten leben – und wurde angenommen. Maxym, der junge Ukrainer, ist ein Glücksritter, wie viele der Seinen, die es in den Westen zog. Nun aber sitzt der 31-Jährige am Tisch des Ristorante Dal Nastro in der Zürcher Innenstadt und spricht über die große Politik – über Weltpolitik.

Maxym ist Ukrainer, einer von 6.000 in der Schweiz. Sie fielen nie auf, sie waren nicht fassbar. Man hielt sie für Russen. Wer in die Schweiz kam, musste einiges auf sich nehmen. Die Ukraine ist ein sogenannter Drittstaat, für sie gilt keine Personenfreizügigkeit. Arbeitsbewilligungen sind nur schwer zu bekommen, eine langfristige Aufenthaltsbewilligung fast unmöglich. Kurzum: Niemand interessierte sich für die Ukrainer – am wenigstens sie sich für ihre eigenen Landsleute.

Bis im letzten November die Menschen in Kiew zu Tausenden auf die Straße gingen – und der Maidan zum Schauplatz einer Revolution wurde. Von nun an bedeutete es etwas, Ukrainer zu sein. Auch in der Schweiz.

Aufgewachsen ist Maxym in der Großstadt Saporischschja, gelegen am Ufer des Dnjepr im Südosten des Landes: zwei Drittel Ukrainer, ein Drittel Russen. Aber um ethnische Unterschiede kümmerte man sich kaum. Klar, da waren die feinen Unterschiede, die Sprache etwa. Maxym hatte den Eindruck, wer Russisch statt Ukrainisch sprach, dem würde mehr Respekt entgegengebracht. Aber gemeinsam verfluchte man die herrschenden Zustände. "Ich kenne Menschen", erzählt er, "die ein eigenes Geschäft aufgebaut hatten, und von heute auf morgen wurde es ihnen einfach weggenommen. Weil es den Söhnen des ehemaligen Präsidenten gefiel: 'Das gehört jetzt nicht mehr dir!'"

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Heute trennen Welten die beiden Volksgruppen. "Selbst Russen, die mich seit Jahren gut kennen, fragen: 'Maxym bist du ein Faschist?'" Der zurückhaltende junge Mann wird laut: "Sie kennen mich doch!" Früher, als die Sowjetunion noch bestand, da sprachen die Russen von den Ukrainern als ihren Brüdern. Davon spürt er nichts mehr: "Wir sind die neuen Feinde Russlands." Und das färbt ab. Maxym trägt nun stolz ein ukrainisches Trachtenhemd unter dem Jackett und um den Hals eine goldene Kette mit dem Dreizack, dem Symbol der Fürsten, die einst über die Ukraine herrschten. Er, der von sich sagt, er sei ein Pazifist, der nicht ins Militär musste, weil er einen Herzfehler hat, sagt in festem Tonfall, auch er würde zur Waffe greifen, stünden plötzlich Separatisten vor seiner Haustür: "Ich will nicht, dass meine Mutter plötzlich in Russland leben muss. Die haben dort ganz andere Weltanschauungen und Sitten."

Beim Gespräch im Ristorante Dal Nastro wird klar: Der Konflikt in der Heimat radikalisiert die Ukrainer in der Fremde. Hier wir, die Guten, dort sie, die Russen, die Bösen. Ein Krieg macht aus hellen Geistern dumpfe Köpfe.

Und zum ersten Mal entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Diaspora. Nicht in Fußballclubs, in Kulturhäusern oder in Gottesdiensten kamen sich die Ukrainer in der Schweiz näher, nein, man traf sich an Demonstrationen, auf den Barrikaden: am Weltwirtschaftsforum in Davos, auf dem Paradeplatz in Zürich oder vor dem Bundeshaus in Bern.

Doch nicht alle protestieren. Nicht alle sind mit den neuen Verhältnissen unzufrieden. Einige bejubeln sie. Die Grenze von Pro-Russen und Pro-Ukrainern bricht manchmal mitten durch die Familie. "Mein Bruder hat einfach das Telefon aufgelegt nach wenigen Minuten, als ich mit ihm über Politik sprechen wollte", sagt Tetiana Lahodovets. Die 40-Jährige sitzt im Café gleich unter ihrer Wohnung in Fehraltorf. Zusammen mit ihrem Mann Serhiy arbeitet sie in der Bäckerei Steiner in Wetzikon: sie als Confiseurin, er in der Backstube.

Aufgewachsen ist Tetiana in Simferopol auf der Krim, sie fühlt sie sich als Ukrainerin, nicht als Russin. Ihre Familie jedoch, die noch immer auf der Halbinsel lebt, ist stolz darauf, jetzt zu Russland zu gehören. "Es ist für mich eine Tragödie, dass ich mit meiner eigenen Mutter über nichts anderes mehr sprechen kann als über das Wetter und ihre beiden Enkel in der Schweiz." Aber selbst die Kinder sind ein familieninternes Konfliktgebiet. Tetiana ist es wichtig, dass ihre beiden Söhne zu Patrioten erzogen werden. "Wir sprechen mit ihnen ausschließlich Ukrainisch", sagt sie. Was wohl Tetianas Mutter dazu sagen würde? Sie sprechen nicht über das Thema.