Eine Frau, ohne Mann. Ein Fräulein, hätte man bei uns gesagt, in diesen fünfziger Jahren – eine, die auf die Kinder anderer Frauen aufpassen muss, um Geld zu verdienen! Eine Nanny also. Streng, unerbittlich, eigensinnig, eine Mary Poppins, die unter voluminösen Herrenmänteln steckt und so weibliche Rundungen verbirgt, das Gesicht unter Filzhüten. Erst Jahre nach ihrem Tod wird sich zeigen, dass Vivian Maier, geboren 1926 in New York City, 2009 gestorben in Chicago, Illinois, mehr verbarg, als unter einen Mantel passte, dass Vivian Maier eine der größten Fotokünstlerinnen des 20. Jahrhunderts war und dass sie dies zum bestgehüteten Geheimnis ihres Lebens machte. Niemand durfte ihre Bilder sehen. Es gab für Maier, ein Leben lang, weder Zuspruch noch Applaus. Weshalb man dem Film Finding Vivian Maier zuallererst eine Zuschauerin namens Vivian Maier wünschen würde, Privataudition auf Wolke sieben, ein Sesselchen, vielleicht noch ein Manhattan und eine Tüte Crisps.

Der Film Finding Vivian Maier erzählt zwei unglaubliche Geschichten – die einer Schnitzeljagd, wie der Regisseur und Stadthistoriker John Maloof sich auf die Spur dieser Frau setzt und ihr über Jahre auf den Fersen bleibt, um das Geheimnis einer Fotografin zu lüften, deren Bilder beinahe zufällig in seinen Besitz kamen. Und weiter, als filmische Biografie, die so zusammengestückelte Geschichte der Vivian Maier, das Leben einer hochbegabten, extrem scheuen, ja einsamen Person. Verbunden werden beide Erzählstränge von einer Eigenschaft, die beide, Maloof und Maier, teilen – Besessenheit! Die von Maloof, der seinem Gegenstand hinterherjagt, die von Maier, die ihm manisch ausweicht. Es ist eine Anti-Facebook-, Anti-Glamour-Geschichte, ein Affront für alle, die am Tropf des bedeutungsverheißenden Kulturbetriebs hängen.

Der Film beginnt mit einer Auktion, auf der Maloof in Chicago 2007 eine Kiste mit Fotos ersteigert, für schlappe 380 Dollar. Maloof traut seinen Augen kaum, als er die ersten Fotos sieht – Schnappschüsse. Kinderszenen, Liebespaare. Anrührend, intim, komisch. Stadtlandschaften, die sich in wohlkomponierte Schattenrisse, in Strukturen, Muster auflösen. Er stellt die Bilder in ein Blog, die Fotowelt schreckt auf. Maloof erinnert sich an andere Kisten aus Maiers Besitz, und kurz entschlossen kauft er sie ihren neuen Besitzern ab.

Er hat jetzt: 100.000 Fotos. 2000 unentwickelte Filme, die selbst Vivian Maier nie sah. Kurzfilme, Tonbandaufnahmen. Farbbilder, in den Vintage-Tönen der sechziger Jahre – und das sind nur einige der Dinge, die Vivian Maier sammelte und denen jetzt auch Maloof verfallen ist. Sie sammelte (ungelesene) Zeitungen, bis sich die Balken ihrer Dienstbotenzimmer bogen, hortete Schachteln und Dosen, Bücher, Koffer, Truhen aus Leder, Boxen, mit Klebeband gesichert, in denen sie Briefe und Rechnungen, Quittungen, Zeitungsartikel versteckte. Kollektionen von Nippes. Broschen. Maier war, wie selbst die liebenswürdigsten ihrer Arbeitgeber zugeben, angesichts der Kisten, Dosen und Papierstapel, welche die Treppen herunterwucherten und die Garagen eroberten – ein Messie.

Maloof ist es also gelungen, Zeugen aufzuspüren, die von dieser Frau erzählen – Zöglinge, deren Eltern, Nachbarn, Beobachter. Das ergibt ein Mosaik von Eindrücken, rührend widersprüchlich. Eine Mannfrau? Wer ist dann die zarte Person im paspellierten Sommerkleid, die wir auf dem Selbstporträt sehen, die Hände selbstbewusst auf den Hüften aufgesetzt? Sie positioniert sich an den Rand des Bildes, auf dem ihre Rolleiflex, so wie im Leben, mittig platziert ist. Scheu? Und die vielen Selbstporträts? Verpeilt? Sie besaß die Gabe, jene Bruchteile einer Sekunde aufzuspüren, in denen sich ein anderer zeigt – in einer zärtlichen Geste, einem verlorenen Blick. Ehemalige Zöglinge berichten von Zwangsfütterungen, andere aber schwärmen von Ausflügen in Wildnisse, Industriebrachen, Schlachthöfe. Was bekamen die Kinder da nicht alles zu sehen (und Maier zu fotografieren)!

Die amerikanische Kulturgeschichte ist reich an herrlichen Fotografen. Stieglitz, Steichen, Strand – wie die große Ausstellung in New York 2010 hieß. Man kennt die Street Photography von Helen Levitt, die wie Maier das Leben in New York festhielt, da ist Diane Arbus, mit ihrem Auge für das Absonderliche, der Witz von Eliott Erwin. Unter ihnen hat nun Vivian Maier ihren Platz, und mit Maloof einen, der sie vermarktet (www.vivianmaier.com). Was ihr zuwider gewesen wäre. Und? Nie hat der Künstler das letzte Wort zu seiner Kunst. Maloofs Film könnte man vorwerfen, dass er Maiers Geheimnis nicht lüftet – was doch ein Glück ist, es gibt Andeutungen böser Familiengeheimnisse, sie sollen es gerne bleiben. Das Ende – ein Sturz auf der Straße, der Krankenwagen. Klick und aus. Keine Sentimentalität, Maier-Style.

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