Es gibt immer mehr Maschinen auf der Welt, die so tun, als würden sie uns verstehen. Sie geben sich eloquent, humorvoll, ja sogar neugierig. Die zuvorkommende iPhone-Stimme "Siri" nimmt unsere E-Mail-Diktate und Fragen über das Wetter, den Weltfrieden oder das nächstgelegene Nagelstudio entgegen. Mit neunzehn, als ich Mathematik zu studieren begann, las ich Douglas Hofstadters majestätische Meditation Gödel Escher Bach, in der die elementaren Mechanismen menschlichen Denkens so transparent gemacht werden, dass ich die Vorstellung von realer künstlicher Intelligenz nie wieder als etwas Abwegiges empfinden konnte. Ich war mir sicher, ihr während meiner Lebenszeit irgendwann zu begegnen. Viele Menschen fragen sich: Können unsere ganzen sprachfähigen Maschinen denken? Sind sie selbstständige Wesen? Und gehen wir mit ihnen einem neuen Zeitalter intelligenter Maschinen entgegen?

1950 formulierte Alan Turing einen Test, mit dem man diese schwierigen metaphysischen Fragen durch eine andere, leichter handhabbare Frage ersetzen konnte. Der Turing-Test sieht so aus: Ein Interviewer kommuniziert schriftlich mit einer Quelle, die entweder ein Computer oder ein Mensch ist. Erscheinen dem Interviewer die Antworten seines Gegenübers als intelligent, dann sei, so Turing, dieses Gegenüber als "menschlich intelligent" anzusehen, egal, wie es zu diesem Ergebnis gekommen sei. Ob es innerlich tatsächlich zu Denkvorgängen in der Lage sei, sei dabei irrelevant. Denn ob sie wirklich denken, könne man von seinen Mitmenschen ja auch nicht mit Sicherheit behaupten.

Der amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick parodierte in seinem berühmtesten Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen, der als Blade Runner verfilmt wurde, dieses Testverfahren. In dem Buch geht es um Replikanten, die durch den sogenannten Voigt-Kampff-Test als nicht menschlich überführt werden können. Der Voigt-Kampff-Test misst allerdings nicht Intelligenz, sondern Mitgefühl. Das brachte ein amerikanisches Forscherteam im Jahr 2005 auf die Idee, Philip K. Dick als Roboter nachzubauen. Der Roboter sollte nicht nur eine täuschend echte Kopie seines Erscheinungsbildes werden, sondern ein sprachfähiger, intelligenter Androide, der sich so verhält, als wäre er der verstorbene Philip K. Dick. Man sammelte also alle sprachlichen Äußerungen des enorm produktiven Autors, speicherte sie auf einem Server, der mit einer Software verbunden wurde. Die Software, entwickelt von dem Programmierer Andrew Olney, belebte den Kopf des Androiden.

Als "Phil" fertig war, unterhielt sich Philip K. Dicks Tochter Isa mit dem sprechenden Automaten. Das Ergebnis war für die Tochter schockierend. Es sei wirklich so gewesen, als habe ihr Vater mit ihr gesprochen, sagte sie. Dennoch waren die Gespräche mit dem Betriebssystem nicht immer einfach. Oft laberte es stundenlang vor sich hin. Bei einer Präsentation auf einer Science-Fiction-Tagung schaffte es Olney nicht rechtzeitig, den überlaufenden Speicher des sich in einer Endlosschleife verheddernden Androiden zu leeren. Also griff Olney zu einer Notlösung: Er schaltete den Lautsprecher, aus dem die Roboterstimme kam, während der Fragen aus und gleich darauf wieder ein. Keinem Anwesenden fiel der Fehler auf. Die meisten waren der Meinung, vernünftige Dialoge gehört zu haben. Im Dezember 2005 verlor David Hanson den Androidenkopf, der so tun sollte, als wäre er ein großer Autor der Vergangenheit, während einer Flugreise zu einer Präsentation bei Google. Der Kopf tauchte nie wieder auf.

Warum kommen Menschen überhaupt auf die Idee, sich solche intelligenten Köpfe zu bauen? Vermutlich liegt es zum Teil an unserer Einsamkeit. Es gibt nun schon über sieben Milliarden von uns – und dennoch kommen wir uns in einem gewissen Sinn verloren und isoliert vor. Vor einigen Wochen traf ich die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff bei einer Podiumsdiskussion. Es ging um das Thema "Frieden und Paradies". Sie äußerte dabei den Wunsch, im Jenseits mit ihrem Hund sprechen zu können. Und obwohl ich ihr sonst in allem widersprechen wollte, dachte ich da: Natürlich wollen wir das alle – dieses Eingesperrtsein in uns selbst überwinden und mit dem Nichtmenschlichen kommunizieren! Bislang waren der Menschheit in dem Kontaktaufnahmeprojekt mit nicht menschlichen Wesen keine großen Erfolge vergönnt.

Die Menschheit arbeitet seit den sechziger Jahren an der Entwicklung von sprachfähigen Computerprogrammen. Das Prinzip ist stets das gleiche: Ein Mensch tippt eine Zeile, und der Computer antwortet. "Wie geht’s dir?" – "Danke, gut." Die ersten dieser Programme waren noch weit davon entfernt, den Turing-Test zu bestehen. Doch in den vergangenen Jahren wurden sprechende Maschinen immer mutiger. Im Dezember 2013 etwa wurde Michael Scherer, Chefredakteur des Time-Magazins, von einer automatischen Software angerufen. Die Roboterstimme nannte sich Samantha West. Sie wollte ihm irgendwas verkaufen. Scherer zeichnete das Gespräch auf. Als er sie fragte, ob sie ein Roboter sei, antwortete sie: "Ich bin eine reale Person, können Sie mich hören?" Der Roboter versuchte, den Turing-Test zu bestehen, und scheiterte. Fast konnte man Mitleid mit ihm bekommen. Als ich die Gespräche mit Samantha West im Internet anhörte, musste ich daran denken, dass doch jeder Mensch jemanden kennt, der den Turing-Test niemals bestehen würde. Jemand, mit dem "kein vernünftiges Gespräch" zu führen ist. Trotzdem würde man dieser Person niemals menschliche Intelligenz absprechen.