Seltsam, letzte Woche las ich mehrfach über ihn. Christian Führer ist ein Protagonist des Buches Urbi et Gorbi, in dem der langjährige ZDF-Korrespondent Joachim Jauer Christen als Wegbereiter der osteuropäischen Wende porträtiert. Und am 25. Juni berichtete die Berliner Zeitung: "Für ihren Beitrag zum Fall der Mauer vor 25 Jahren sind Akteure der Leipziger Montagsdemonstrationen mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet worden." Darunter die Leipziger Pfarrer Christian Führer und Christoph Wonneberger und der Bürgerrechtler Uwe Schwabe. Das Foto zeigte Schwabe und Wonneberger, dazu Katharina Köhler, Christian Führers Tochter. Ich dachte: Warum fehlt er? Ist er krank? Am Montag traf die bestürzende Botschaft ein. Die Fernsehnachrichten zeigten, in Pietäts-Schwarz-Weiß, das Bild des kleinen Mannes mit dem Bürstenschnitt. Natürlich trug er die ruhmbedeckte Jeansweste des friedlichen Revolutionärs. Die Nachrufe rühmten ihn gebührlich, aber sie reduzierten ihn auch, auf 1989. Sie balsamierten gewissermaßen prämortal einen Menschen ein, dessen Mission mit dem Fall von SED-Regime und Mauer keineswegs beendet war. Die Friedensgebete gingen weiter. Christian Führer hat sich auch gegen Sozialabbau und Rechtsextremismus engagiert. Er hielt seine Kirche offen – nicht im touristischen Sinne.

Persönlich begegnet bin ich Christian Führer erst 2003, anlässlich der neuen Leipziger Montagsdemonstrationen: gegen den Krieg im Irak. Am 7. April 2003 besuchte ich ihn in seiner Lutherstube über dem Nikolaikirchhof. An der Wand hing Otto Pankoks Holzschnitt Christus zerbricht das Gewehr. Die Bandkassette bewahrt Christian Führers Stimme, seinen hellen sächsischen Sang. Jungenhaft frisch erzählt der Sechzigjährige, dass ihn im Dezember der US-Generalkonsul eingeladen habe, mit ihm den Weihnachtsbaum zu schmücken. Ich habe abgeschrieben, sagt Führer. Ich habe mitgeteilt: Ihr Land bereitet einen Krieg vor, da kann ich nicht mit Ihnen unterm Christbaum sitzen, zu Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden. Stattdessen habe ich Weihnachten eine Mahnwache eingerichtet. Daraus wurde ein Kreuzweg, von der Nikolai- zur Thomaskirche. Das wuchs und wuchs, bis wir bei 45.000 waren.

Aber nun wird’s wieder weniger.

Die Wahrheit, erklärt Führer, hängt nicht von der Größe des Zulaufs ab.

Sind Sie ein naiver Mensch?

Sie haben das richtig getroffen, sagt Führer behutsam. Mich fasziniert Jesus, seit ich zwölf bin. Dieser Radikale lässt sich von nichts und niemandem aufhalten, der geht seinen Weg unglaublich frei und redet sein Wort, ob’s unter die Dornen fällt oder auf Steine. Und hebt nicht ab und bleibt auf Augenhöhe mit dem Volk. Diese Unverdrossenheit versuche ich mir zu nehmen, auch wenn’s mich ganz verrückt macht, dass die Amerikaner den Krieg als Mittel der Politik immer wieder auf die Bühne zerren. Dieser furchtbar schlichte Mensch Bush glaubt, sein Krieg werde die arabischen Staaten zu Demokratien machen.

Wirft man Ihnen politische Amtsführung vor?

Führer, hörbar lächelnd, ausnahmsweise diplomatisch: Ich lass das Landeskirchenamt in Ruhe und die mich.

Für sein Christsein hatte Christian Führer einen Lackmustest: die Frage "Was würde Jesus dazu sagen?". Wenn wir uns das nicht fragen, sagte er, können wir unseren Glauben an den Kleiderhaken hängen. Pazifist wollte er sich ungern nennen lassen, schon gar nicht Radikalpazifist. Das klinge ja wie Friedensbertha. Christ reiche völlig aus, dazu der Satz: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.

Das imponierte mir damals sehr. Unter Führers Eindruck beschloss ich, künftig Relativsätze zu vermeiden, wenn es um Krieg und Frieden geht. Christian Führer hatte keine Angst, sich "lächerlich" zu machen. Er zitierte Martin Luther King: Entweder wir schaffen den Krieg ab, oder der Krieg schafft uns ab. Letzteres werde Mutter Erde so wenig stören wie das Verschwinden der Dinosaurier.