Ein guter Agent braucht Instinkt. Er muss ahnen, wenn ihm der Feind auf der Spur ist. Karl Tromsdorf arbeitet in den sechziger und siebziger Jahren beim SPD-Bundesparteivorstand und soll die Sozialdemokraten vor östlichen Agenten schützen. Außerdem ist er V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz und liefert dessen Berichte an die SPD. Doch als die Gefahr am größten ist – für seine Partei, Bundeskanzler Willy Brandt und ihn selbst –, versagt Tromsdorfs Instinkt. Am 24. April 1974 wird der persönliche Referent des Kanzlers, Günter Guillaume, wegen Spionage für die DDR verhaftet. 40 Jahre danach belegt eine umfangreiche Archivrecherche, dass viele sensible Dokumente des Verfassungsschutzes auch den Kanzlerspion erreichten und so einige Informanten des Kölner Dienstes in Gefahr gerieten. Bis heute ist die Affäre kaum aufgearbeitet.

Im Sommer 1974 zeichnen sich die ersten Umrisse des Debakels ab: Beamte des Bundeskriminalamts übergeben dem Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günther Nollau, einige Akten. Die Ordner stammen aus Guillaumes Vorzimmer im Kanzleramt. Auf ihrem Rücken steht ein großes "K". Nicht "K" wie Kanzler, sondern "K" wie Kommunisten. Nollau blättert durch die Aufzeichnungen über die Deutsche Kommunistische Partei (DKP), die Deutsche Friedens-Union, den marxistischen Studentenbund Spartakus und die SED. Die Berichte zeigen, wie das Bundesamt für Verfassungsschutz zu Beginn der siebziger Jahre linke Organisationen überwachte – und mit wessen Hilfe.

Nollau erkennt: All das stammt aus seinem Haus. "Wie ist Guillaume bloß an diese Unterlagen gekommen?", wird er sich gefragt haben. Auf offiziellem Wege jedenfalls nicht. Zum einen war Guillaume nicht für den Verfassungsschutz oder linke Gruppen zuständig, sondern für Brandts Kontakte zur Partei und zu den Gewerkschaften. Zum anderen steht in einigen Unterlagen wörtlich, was die Agenten dem Dienst mitgeteilt haben. In einem regulären Verfassungsschutzbericht ist dies niemals der Fall, denn das wäre grob fahrlässig. Und nun passiert eine solche Panne ausgerechnet vor den Augen des gegnerischen Geheimdienstes.

Ein Ticket nach Köln zum Verfassungsschutz

Schon bald macht Nollau Karl Tromsdorf als Verdächtigen aus. Was aber hatte es mit diesem SPD-Mann auf sich? Das verraten heute Dokumente im Bundesarchiv in Koblenz, in der Stasi-Unterlagen-Behörde und in Archiven in Stanford und Moskau. Demnach stand Tromsdorf in der ersten Hälfte seines Lebens auf der Seite der Kommunisten. 1927 trat der 15-Jährige in Halle an der Saale dem Kommunistischen Jugendverband bei. Später war er Kriegsgefangener in Krasnogorsk bei Moskau und besuchte die Antifaschistische Frontschule, eine Kaderschmiede für die späteren DDR-Verwaltungsorgane.

Zurück in Deutschland, wurde Tromsdorf Mitglied der SED. Deren Zentralkomitee holte ihn 1950 in ihr "Arbeitsbüro 62". Die Abteilung sollte westdeutsche Gewerkschafter, Kommunisten und Sozialdemokraten umwerben. Tromsdorf reiste als Instrukteur von seinem Wohnsitz in Pankow regelmäßig in die Bundesrepublik, vor allem um die KPD auf den Kurs der SED zu bringen.

Mit der Zeit aber kamen ihm Zweifel. Am 5. April 1960 floh er in den Westen. Neun Monate später folgten ihm seine Frau, beide Töchter und der Schwiegersohn. Tromsdorf schrieb kurz nach seiner Flucht an Freunde: "Warum bin ich weggegangen? – Weil es mich anekelte."

Von diesem Seitenwechsel erfuhren schon bald Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Sie spendierten dem Überläufer ein Ticket nach Köln, um an sein Wissen über die SED und die KPD zu gelangen. Dann warben sie ihn als V-Mann an und wiesen ihn dem Mitarbeiter für kommunistische Unterwanderung, Ferdinand S., zu. Fortan sollte Tromsdorf beobachten, wer verdeckt für die Kommunisten im Westen arbeitete – in der SPD, den Gewerkschaften oder den von der SED geförderten Organisationen. Doch die 150 D-Mark monatlich, die er dafür bekam, hätten nicht ausgereicht für ein neues Leben.

Ferdinand S. stellte den 49-Jährigen daher dem stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Herbert Wehner vor. Dieser kannte aus eigener Erfahrung das Misstrauen gegenüber ehemaligen Kommunisten und setzte sich daher für den Mann ein. So konnte Tromsdorf am 1. Februar 1961 eine Stelle für "Abwehrfragen" beim SPD-Bundesparteivorstand in Bonn antreten. Einen festen Arbeitsplatz in der Parteizentrale hatte er nicht: Er reiste im Bundesgebiet umher. Mal beriet er die SPD, wie sie mit der DKP umgehen sollte. Mal fungierte er als Mittler zwischen Wehner als Sicherheitsbeauftragtem der Partei und Nollau als Verfassungsschützer.

SPD-Mitglieder wurden zur Mitarbeit gezwungen

Wehner schrieb in einem Brief, Tromsdorfs Arbeit habe "delikate Seiten". Was er damit gemeint haben könnte, erklärt sich aus den Stasi-Akten. Laut diesen versuchte Tromsdorf, SPD-Mitglieder mit Ostkontakten als V-Männer anzuwerben. So soll er etwa nach einem Parteitag der DKP Sozialdemokraten aufgesucht haben, die als Gäste teilgenommen hatten. Einem von ihnen habe er ein Foto von der Veranstaltung gezeigt: "Danach stellte er ihm die Frage, ob er sich auf dem Bild erkenne und bereit sei, den Parteivorstand der SPD über den DKP-Parteitag zu informieren." Tromsdorf habe dem betreffenden Funktionär dann im Verlaufe des Gesprächs Verbindungen in die DDR nachgewiesen. Er habe dem Mann angeboten, gegen ihn werde nicht parteiintern vorgegangen, wenn er zu Veranstaltungen in die DDR reise und der SPD darüber berichte. Mehrere solcher Fälle sind dokumentiert: Mal waren es Fotos, mal Briefe, mit denen Tromsdorf einzelne Sozialdemokraten ihrer Ostkontakte überführte und unter Druck setzte. Die Berichte dürften sowohl die Partei als auch den Verfassungsschutz interessiert haben.

Tromsdorf wagte sich damit auf gefährliches Terrain, denn er stand seit seiner Flucht unter Beobachtung der Stasi. Deren Mitarbeiter warteten nur darauf, dass er einen Fehler beging, und legten eigens den Vorgang "Verräter" an. Tatsächlich wandten sich auch einige von Tromsdorfs potenziellen V-Männern an die Staatssicherheit. Mit ihrer Hilfe hoffte man Tromsdorf unschädlich machen zu können.