Syrien, Irak, Ukraine: Die Einschläge kommen näher, aber die Deutschen wollen jetzt erst recht friedlich bleiben, meldet eine neue Umfrage. Erstaunlich ist nicht, dass 71 Prozent Auslandseinsätze der Bundeswehr ablehnen. Solche Werte markieren seit jeher den Normalzustand. Die Überraschung: Die 71 Prozent verweigern auch dann militärische Mittel, wenn Diplomatie oder Sanktionen den Konflikt nicht beseitigen.

Mithin wäre der Pazifismus der 71 Prozent geradezu hermetisch – keine Gewalt aus keinem Grund. Der Reflex ist umso erstaunlicher, als sich das Gerüst der europäischen Stabilität vor unseren Augen zu verbiegen beginnt. Zuletzt wurde die Souveränität in Europa verletzt, als der Warschauer Pakt 1968 in Prag einfiel – bis in diesem Jahr der Stärkere zum ersten Mal seit 1945 ein Stück Land, die Krim, raubte. Jetzt agieren Moskaus Spezialkräfte in der Ostukraine, stehen seine Panzerarmeen ante portas.

Für den Irak gilt nicht mehr Biedermeiers Devise aus dem Faust: "Wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen", geht mich das nichts an. Diesen Trost gibt der Irak nicht her. Eine siegreiche Isis würde einen islamistischen Terrorstaat aus der Erbmasse Syriens und des Iraks herausschneiden, der bis ans Mittelmeer reicht. Das mare nostrum ("unser Meer"), wie die Römer es nannten, ist nicht irgendein Gewässer, sondern Europas 4.000 Kilometer lange Südgrenze. In diesem Szenario ist der Irak nicht "weit hinten", sondern dicht dran.

Eine Zeitenwende bahnt sich an. Seit 1945, unter dem strategischen Schutzschirm der USA, durfte erst West-, dann Gesamteuropa ein scheinbar immerwährendes Wunder genießen. 500 Jahre lang Schauplatz oder Ursprung aller großen Kriege, geriet Europa zur Insel des Friedens, wo Krieg nicht mehr denkbar war. Verflogen waren die alten "Erbfeindschaften", es regierten Kooperation und Kompromiss. Was immer auch in Korea, Vietnam, Afrika und Mittelost geschah, es konnte diese Friedensfestung nicht erschüttern.

Kein Wunder, dass hinter den Mauern Gewalt als Mittel der Politik aus dem Bewusstsein verschwand. Die Europäische Union ist zwar die größte Wirtschaftsmacht auf Erden, aber strategisch ein Nonvaleur. Wie sollte sie denn militärisch handeln, wenn ihr größtes und reichstes Mitglied – Deutschland – um keinen Preis zur Waffe greifen will, wie die 71 Prozent bekunden? Nur: Inzwischen wollen auch die alten Großmächte Frankreich und England nicht mehr – und neuerdings auch nicht Amerika.

Das ist der Drehpunkt der Zeitenwende. Die revisionistischen Spieler – Russland, der Iran, Isis, China – haben diese Selbsteindämmung der Weltmacht sehr wohl erkannt und daraus ihre opportunistischen Schlüsse gezogen. Stünden noch 300.000 US-Soldaten in Europa, hätte Putin gegenüber Krim und Kiew vorsichtiger kalkuliert. Und Isis ist die Quittung für den Truppenabzug 2011.

Der Machtpolitik müssen immer alle Parteien absagen; sonst gerät der Verzicht der einen Seite zur Einladung an die andere. Das Leben auf der gesegneten Friedensinsel hat dem deutschen, ja dem europäischen Menschen die Optik verdreht. Er blickt auf die Welt und glaubt, sie gehorche dem gleichen friedlichen Regelwerk. Leider haben die Revisionisten ein neues Spiel aufgezogen. Und es bislang gewonnen.