Der Entschleuniger – Seite 1

Diesem Sog konnte ich mich irgendwann nicht mehr entziehen. Es gibt Bestseller, es gibt von der Kritik gerühmte Bücher, es gibt Skandalbücher – aber manchmal, selten, treten Bücher in dein Aufmerksamkeitsfeld, deren wachsender Ruhm sich wie ein neuartiges Virus per Tröpfcheninfektion und nicht auf den normalen Wegen medialer Vermarktung zu verbreiten scheint. Wie bei einer Grippewelle ist man dann überrascht, wen es im weiteren Bekanntenkreis schon alles erwischt hat. Im Moment geht die Knausgård-Epidemie um. Die unterschiedlichsten Leute aus den verschiedensten Berufswelten (was immer ein interessanter Indikator ist) sprechen einen auf den norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård, Jahrgang 1968, an und bitten um professionelle Hilfe: "Was hat dieser Autor mit mir gemacht? Ich kann nicht mehr ohne ihn!" Da beschreibt einer auf Hunderten von Seiten fast ohne stilistische Effekte und gänzlich ohne dramaturgische Cliffhanger den mehr oder weniger ruhigen Fluss seines unspektakulären Lebens, und die Leute können nicht genug davon kriegen.

Sucht ist die Zentralmetapher, mit der Knausgård-Leser ihr Lektüreverhalten beschreiben. Das gab es zuletzt bei 13-Jährigen mit Harry Potter. Das große autobiografische Projekt von Knausgård heißt im Original Min Kamp und umfasst sechs Bände. Der deutsche Verlag hat aus nachvollziehbaren Gründen davon abgesehen, die Bücher unter dem Titel Mein Kampf in den Handel zu bringen. Die ersten drei auf Deutsch erschienenen Bände heißen Sterben, Lieben und Spielen. Jetzt ist Band vier erschienen: Leben.

Ich bin ein Spätzünder, ich habe die ersten drei Bände nicht gelesen, sondern bin gleich bei Band vier eingestiegen, um das Knausgård-Syndrom am eigenen Leibe zu überprüfen – naturgemäß mit der für Kritiker typischen Skepsis gegenüber angeblichen Hypes ...

Es hat auch bei mir funktioniert. Die Droge hat angeschlagen – und es fällt mir nicht leicht zu sagen, welche Wirkstoffe da am Werk sind. Gewiss natürlich der Authentizitätseffekt. Knausgård erzählt in Min Kamp von seinem Leben ohne vorsätzliche Fiktionalisierung und den entsprechenden Kulissenzauber. Deswegen passiert auch nichts Krasses, wie wir es oft in bemüht radikalen Romanen schlucken müssen. Das Krasse als Effekt der poetischen, symbolischen Verdichtung kommt hier nicht vor. Das Krasse baut sich hingegen langsam, aber dann umso mächtiger in der genauen Protokollierung des Alltäglichen unserer Wünsche, Sehnsüchte und Triebe auf.

Bücher, die ihre Wahrhaftigkeit ausstellen, können schnell etwas Ranschmeißerisches haben. Bei Knausgård dagegen stellt sich der Realitätseffekt durch eine extreme, gleichzeitig sanfte Annäherung von erzählter Zeit und Erzählzeit her. Es fühlt sich an, als wäre man plötzlich von der digitalen Datenkomprimierung erlöst und würde das Leben wieder analog, eins zu eins wahrnehmen. Man könnte es eine Entschleunigungskur nennen. Als wäre man endlich bei dem Tempo angekommen, in dem das Leben nicht mehr durch Geschwindigkeit verzerrt an einem vorbeirauscht, sondern in dem man es in seiner Körnigkeit geradezu wie mit den Händen zu betasten vermag. Es ist ein Marketingbegriff geworden, aber Knausgårds Erzählen ist eine Schule der Achtsamkeit.

Aber genügt das, um zu erklären, warum seine Bücher so viele Leser in den Bann ziehen? Langsame Bücher – denken wir an Peter Handke – sind ja meist Bücher, die man nicht verschlingt. Knausgård hingegen schreibt langsame Bücher, die man schnell liest. Wie ist das möglich? Welche artistischen Verfahren setzt der Autor ein?

Knausgårds Bücher suchen keine Abkürzungen, um ans Ziel zu kommen

Üblicherweise liest man als Kritiker mit Bleistift, unterstreicht bestimmte Sätze, an deren Beispiel man den Roman dann charakterisiert: Eine typische Metapher, so funktioniert sein Witz, dies ist ein zentraler Satz für die Botschaft des Romans und so weiter. Mit dem Unterstreichen von Sätzen kommt man bei Knausgård nicht weiter. Das Aufregende findet definitiv nicht auf der Ebene des Einzelsatzes, auch nicht auf der Ebene eines Absatzes statt.

Die Wucht von Knausgårds Büchern hat mit der elementaren Kraft ihrer zeitlichen Ausdehnung zu tun. Sie sind Langstreckenläufer, sie suchen keine Abkürzungen, um zum Ziel zu kommen. Je mehr Zeit man sich nimmt, um ein Leben abzubilden, desto weniger muss man kitschig zuspitzen oder auf narrative Klischees verkürzen.

Leben beginnt mit des Helden Aufbruch ins eigene Leben. Er hat die Schule abgeschlossen und zieht bei seiner Mutter aus. Er ist 18, will Schriftsteller werden und beschließt, im Norden Norwegens, in Håfjord, als Aushilfslehrer in einer Schule für ein Jahr zu arbeiten: Er will sein eigenes Geld verdienen und genug Zeit zum Schreiben haben. Nun erzählt das Buch 141 Seiten lang von Karl Oves Ankunft in dem Dorf, vom Licht überm Meer, von seinen ersten Schulstunden, von den Nachbarn, die unangemeldet bei ihm zu Hause vorbeischauen, um ein Bier zu trinken oder ihn mit auf eine Party zu nehmen, von den Mädels, die er auf diesen Partys anbaggert. Dabei besäuft sich Karl Ove besinnungslos. Er ist ein großer und rücksichtsloser Trinker. Einmal findet er sich kotzend über der Kloschüssel seines Badezimmers wieder. In diesem Moment, wir sind auf Seite 142, erinnert sich der Icherzähler an frühere Alkoholexzesse aus seiner Schülerzeit, und er beginnt mit einer Rückblende: Stationen des sich steigernden Alkoholexzesses. Man liest und rechnet bei jedem Absatz damit, gleich wieder in die Gegenwart des Jahres 1988 in Håfjord zu kommen, stattdessen breitet der Autor die ganze Familiensituation des jungen Karl Ove aus. Die Rückblende ist fast 300 Seiten lang.

Und das Erstaunliche ist, dass der Leser über diese gesamte Strecke auch selber im Modus der Rückblende liest, das heißt in der Erwartung, gleich wieder den Anschluss an die Haupthandlung zu erreichen. Solcher großflächigen Art sind die ästhetischen Effekte von Knausgårds Schreiben. Man erwartet den Abschluss der Rückblende so wie bei einem klassischen Musikstück die über mehrere Takte hinausgezögerte Auflösung eines Akkords. Nur dass wir im Falle Knausgårds nicht von mehreren Takten sprechen, sondern von fünf Stunden Lesezeit.

Tatsächlich braucht man für diese 617 Seiten nicht sehr lange. Man liest schnell, man hält lange durch ohne Ermüdungserscheinungen. Das Lesen ist fast schon ein Einatmen. In tiefen, langen, gleichmäßigen Zügen.

Drei Hauptmotive gibt es in Leben. Das Trinken, das Schreiben und die Frauen. Karl Ove will kein kleines Leben in den Routinen bürgerlicher Konventionen führen. Aber groß erscheint ihm das Leben nur, wenn der Alkohol es vergrößert. Das Schreiben könnte dem Leben auch Gewicht verleihen – aber das ist vorerst nur eine Hoffnung (die sich nun, Jahrzehnte später, mit diesen Büchern tatsächlich erfüllt). Einstweilen trinkt er deshalb bis zum Blackout. Dass die intensivste Existenzerfahrung und das Blackout quasi zusammenfallen, ist das Paradox seines jungen Lebens.

Er muss aber trinken, denn ohne Alkohol getraut er sich nicht an die Mädchen heran. Er ist noch Jungfrau, worunter er verständlicherweise schrecklich leidet. Ein paarmal ist es ihm gelungen, eine Frau ins Bett zu kriegen, aber kaum haben sich die nackten Körper berührt, schon ist er gekommen. Auf einer nackten Frau zu kommen ist aber doch etwas anderes, als mit ihr zu schlafen. Und so wechselt sich die Scham, es nicht zu können, ab mit der Scham, die ihn jedes Mal am nächsten Morgen quält, wenn er sich nicht mehr erinnern kann, was er im Suff so alles getan hat.

Die Glückserlebnisse und Größenfantasien im Rausch, die Scham- und Schuldgefühle im nüchternen Alltag – zwischen diesen beiden Polen ringt Karl Ove mit dem Leben. Nichts davon ist ungewöhnlich, aber alles wird anrührend und aufregend in der sanften Unerbittlichkeit von Knausgårds Erzählstrom. Es wird ja gerne kulturkritisch behauptet, es seien längst alle Hüllen gefallen, es gäbe keine Tabus mehr zu überschreiten, weil schon alles gesagt und gezeigt worden sei. Das gilt nur in einem sehr äußerlichen Sinne – so wie wir von äußeren Sexualmerkmalen sprechen. Unser Seelenleben ist gerade dort, wo es nicht aufs Schrille abstellt, nämlich in der Banalität unserer kleinen Verzweiflungen, noch immer eine gut gehütete Mördergrube. Was die Erfahrungsseelenkunde betrifft, hat Karl Ove Knausgård Neuland betreten.