Manchmal versagen Richter, Staatsanwälte und Behörden, weil sie auf falsche Beschuldigungen hereinfallen. Opfer sind dann unschuldig Angeklagte. Sie sind der Justiz ausgeliefert; Franz Kafkas Romanwelt, die von der Ohnmacht erzählt, kippt in die Wirklichkeit, mitten in Deutschland.

Ralf Eschelbach, Richter am Karlsruher Bundesgerichtshof, schätzt, dass ein Viertel aller strafprozesslichen Urteile falsch sind: Fehlurteile. Offizielle Zahlen gibt es keine. Und oft bekommt es niemand mit, wenn einem Unschuldigen sein Leben entrissen wird.

Es sei denn, irgendjemand macht es öffentlich.

Das hat Autor Rainer Stadler im Magazin der Süddeutschen Zeitung (SZ) in einem besonders beklemmenden Fall getan. In zwei Artikeln aus den Jahren 2012 und 2014 beschreibt er detailliert, wie sich Gutachter, Jugendamt und Richter in dem erbitterten Sorgerechtsstreit eines Ehepaars früh auf die Seite des Vaters schlagen, obwohl das Verfahren von Beginn an Widersprüche aufweist. Für den Presserat, der sich nach Aufforderung des betroffenen Vaters mit dem Fall beschäftigt hat, belegt "die akribische Rekonstruktion der Vorgeschichte" den "großen Aufwand der Recherche".

Vergangenen Freitag hat das Hamburger Landgericht jedoch entschieden, dass der zweite Text der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich gemacht werden darf, weil er Persönlichkeitsrechte verletze. Den ersten hat die SZ von ihrer Internetseite genommen, um einer weiteren Klage vorzubeugen. Dem Urteil vorangegangen war der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung des Vaters im Namen seines Sohnes; die SZ legte Widerspruch ein. Den wies das Gericht nun ab.

Das Hamburger Urteil könnte über den Einzelfall hinaus Einfluss darauf haben, wie in Deutschland mit der Frage umgegangen wird, wann Persönlichkeitsrechte schwerer wiegen als das Interesse der Öffentlichkeit an gesellschaftlich relevanten Missständen, wann und wie eine Berichterstattung angebracht ist – und wann verboten. Um das zu verstehen, muss man den Hintergrund der Auseinandersetzung kennen. Kurz gesagt, handelt Stadlers verbotener Text von einer Frau, die sich von ihrem Mann trennt. Ein Sorgerechtsstreit beginnt. Wenig später ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Mutter soll den gemeinsamen Sohn sexuell missbraucht haben. Er kommt in eine Pflegefamilie, später zum Vater. Die Mutter, die den Missbrauch bestreitet, muss in Untersuchungshaft – ihre Chancen im Sorgerechtsstreit schwinden. Gutachter, Jugendamt, Richter – keiner glaube ihr, obwohl der Sohn sie unschuldig nenne, die Kronzeugin als zweifelhaft entlarvt worden sei und der Vater in seiner Vergangenheit als streitsüchtiger und manipulativer Mensch aufgefallen sei, heißt es in den Texten. Sowohl in Sein Wille geschehe als auch im zweiten Artikel, Und kein Ende in Sicht, wirkt der Sachverhalt sorgfältig aufgearbeitet und plausibel argumentiert.

Zu Fehleinschätzungen der Justiz kommt es laut Experten besonders häufig, wenn Aussage gegen Aussage steht, wie meist bei Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs. Die Moral der Richter verlangt es, Opfer zu schützen, eine respektable Haltung, die aber gefährlich werden kann, wenn Trittbrettfahrer sie für sich nutzen.

Stadler hat in seinen Artikeln die Namen der Beteiligten, ihre Berufe, Wohnorte, Automarken verändert, um ihre Anonymität zu wahren. Werden intime Details von Menschen veröffentlicht, so gilt es, deren Persönlichkeitsrechte zu wahren – bei Kindern in besonderem Maße. Dem Hamburger Gericht tat der Journalist in diesem Fall zu wenig: Für Bekannte der Familie reiche es aus, eine Linie zwischen der Tätigkeit der zweifelhaften Kronzeugin, die benannt wird, zwei Datumsangaben, der Tatsache, dass die Mutter in Haft war, und dem Bundesland zu ziehen, um zu erkennen, von wem die Rede sei. Dies gefährde das Kindeswohl.

Zunächst stellt sich die Frage, worunter der Sohn wohl mehr leidet: Unter einer Aufdeckung der Justizirrtümer, die möglicherweise sogar zu einer Verbesserung seiner Lebensumstände führen könnten – oder unter den Justizirrtümern selbst?

Vor allem aber wirft das Hamburger Urteil eine Frage auf, die alle deutschen Medien interessieren dürfte. Wie können Journalisten über ähnliche Fälle künftig berichten? Und: Können sie es überhaupt noch? Die Vorsitzende Richterin hat einen bemerkenswerten Vorschlag gemacht. Der Autor hätte die Geschichte in Nordrhein-Westfalen spielen lassen können, weit weg vom wahren Ort des Geschehens.

Das Ziel von Journalismus ist es jedoch, im besten Fall Missstände aufzudecken und zu Verbesserungen des Status quo beizutragen. Die Tätigkeit der Kronzeugin nicht zu nennen? Kein Problem. Aber wenn kein öffentlicher Druck auf die tatsächlich handelnden Behörden ausgeübt werden kann, weil sie unbekannt bleiben müssen, bleibt die Arbeit der Medien wirkungslos. Auch die Folgen von Justizirrtümern müssen beschrieben werden können: etwa dass die Frau in Untersuchungshaft gerät.

Nun sollten Journalisten einem traumatisierten Jungen kein weiteres Leid zufügen. Allerdings kam der Fall nicht gegen den Willen des Vaters, der nun die Rechte seines Kindes verletzt sieht, an die Öffentlichkeit. Der Vater selbst war es, der sich als Erster an die Medien wandte; so kam es zu Berichten auf einer Internetseite.

Geht die SZ nicht in Berufung – viele Verlage unterlassen das aus Geldnot –, so könnten sich andere Richter auf das Urteil des Hamburger Gerichtes beziehen. Wenn sich dessen Linie aber durchsetzt und Akteure von Justizirrtümern deutlich stärker unkenntlich gemacht werden müssten als bisher, würde die Presse ihre wesentliche Funktion als Korrektiv in der Gesellschaft schlechter oder gar nicht mehr erfüllen können.