DIE ZEIT: Frau Bernet, wann haben Sie gestern Abend zuletzt Ihre E-Mails gecheckt?

Brigitta Bernet: Ich habe Kinder, da ist nach Ladenschluss eigentlich nicht mehr viel los. Aber tatsächlich: Als ich den Wecker auf dem iPhone stellte, klickte ich noch schnell auf die Mail-App.

ZEIT: Sie sind also eine dieser flexibilisierten Arbeitnehmerinnen, über die Sie forschen?

Bernet: Nein, die Wissenschaft gehört zum Glück nicht zur Speerspitze des flexiblen Kapitalismus. Und wenn das Handy läutet, nehme ich nicht immer ab.

ZEIT: Ist Ihre Forschung an der ETH überhaupt Arbeit?

Bernet: Klar. Das ist Wissensarbeit in der Wissensgesellschaft. Im Westen spielt die Industriearbeit, wie sie der Schweizer Fotograf Jakob Tuggener in den 1940er Jahren festgehalten hat oder wie sie Charlie Chaplin im Film Modern Times persifliert, nicht mehr die Hauptrolle.

ZEIT: Viele Wissenschaftler sagen, sie hätten ihr Hobby zum Beruf gemacht. Forschung sei für sie Berufung, kein Job wie jeder andere.

Bernet: Eine Zeit lang, während des Studiums oder der Dissertation, habe ich das auch so gesehen. Im Gymnasium wurde uns gesagt: Studiert, was euch am meisten interessiert, der Rest wird sich schon ergeben. Wenn man sich die Produktionsbedingungen an einer Hochschule aber einmal genauer anschaut, wird schnell klar, dass es hier nicht nur um Humanismus, sondern auch um den Arbeitsmarkt geht. Man muss ständig publizieren und kann einer Frage nicht einfach aus Interesse nachgehen.

ZEIT: Das klingt ernüchternd.

Bernet: Zumindest steht es im Kontrast zum bildungsbürgerlichen Ideal, wonach die Welt durch Bildung und Wissen humaner und demokratischer wird. Ein Optimismus, der mit der Bildungsexpansion der Nachkriegszeit nochmals Schub erhielt. Dieser Glaube war aber von Anfang an ein bisschen naiv. Man hat ausgeblendet, dass die Bildungsexpansion auch von ökonomischen Faktoren getrieben war.

ZEIT: Ein Schlüsselbegriff dieser Bildungsexpansion ist Humankapital. Wer hat den eingeführt?

Bernet: Der wichtigste Propagator war der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Gary S. Becker. Er war Teil der neoliberalen Chicago School. Ihr Fokus lag auf dem Produktionsfaktor Arbeit. Vorab interessierte sie sich für die Rolle, die Bildung und technisches Wissen für das Wirtschaftswachstum spielten. Anders als die marxistische Analyse, die Arbeit und Kapital gegenüberstellt, fasste sie Arbeit als Humankapital auf: als individuell angelegten Kapitalstock an Fertigkeiten, an Wissen oder Gesundheit.

ZEIT: Damit rückt sie den Menschen ins Zentrum. Für den Einzelnen eigentlich eine befreiende Idee.

Bernet: Es ist wichtig, zu sehen, dass die Wirtschaft auch ein befreiendes Potenzial besitzt. Der freie Markt und der freie Bürger – sie markierten in der Aufklärung das Gegenprogramm zur absolutistischen Herrschaft. Dort bestimmten Geburt und Stand das Leben des Einzelnen. Seither legitimiert individuelle Leistung die gesellschaftliche Position.

ZEIT: Also ist die Humankapital-Theorie einfach ein weiterer historischer Emanzipationsschritt.

Bernet: Gary Becker war einer der ersten Wirtschaftwissenschaftler, die die ökonomische Theorie auf das Thema Diskriminierung anwandten. Er kam zum Schluss, dass es, volkswirtschaftlich gesehen, keinen Sinn macht, talentierte Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft in der Arbeitswelt zu diskriminieren. Seiner Ansicht nach konnten sich die USA diese Praxis im Kalten Krieg schlicht nicht mehr leisten. Insofern hatte die Theorie durchaus ein emanzipatorisches Potenzial.

ZEIT: Nun haben Theorien aber immer Urheber, und Urheber haben immer eine Absicht.

Bernet: Für die Humankapitaltheorie war der Sputnik-Schock von 1957 von großer Bedeutung. Die Amerikaner merkten, dass die Sowjetunion ihnen technisch überlegen war. Das war der Anstoß für die amerikanische Bildungsexpansion. Schulbusse fuhren nun bis in Ghettos, die Nasa und das MIT wurden gegründet, bald schoss man den ersten Mann auf den Mond. Mit anderen Worten: Der Kalte Krieg wurde auch im Klassenzimmer und an den Universitäten ausgefochten. Sechs Monate nachdem der sowjetische Satellit zur Erde funkte, erschien das erste Humankapital-Paper. Die Theorie muss auch als Teil dieser Offensive gesehen werden.