Darf man von den Deutschen erwarten, dass sie sich für Afghanistan interessieren? Nein. Schließlich gibt es vieles, was ihnen näher liegt. Fußball zum Beispiel, die Maut, die Erbschaftsteuer, der nächste Urlaub. Wo, bitte schön, soll da noch Platz für Afghanistan sein?

Nein, das hier ist keine Anklage. Es ist auch kein Appell. Es ist eine Feststellung: Die Deutschen, und nicht nur sie, sind müde. Selbst jetzt, da in Afghanistan ein gefährlicher Streit um den Ausgang der Präsidentenwahl entbrennt und zu befürchten steht, dass sich die Afghanen wieder auf einen Abgrund zubewegen – selbst jetzt wird diesem Thema kaum Aufmerksamkeit gewidmet. Wer sich mit Krisen auseinandersetzen will, hat ohnehin die Qual der Wahl: Irak, Syrien, Gaza, Ukraine, Nigeria, Südsudan, Zentralafrikanische Republik, Somalia und, und, und.

Immerhin hat Deutschland sich mehr als zehn Jahre lang in Afghanistan engagiert, deutsche Soldaten sind dort gestorben, Millionen Euro sind geflossen. Wozu? Wofür? Darauf eine klare Antwort zu geben fällt schwer. Also, vergessen wir das Ganze am besten, schließlich ziehen unsere Soldaten ohnehin ab.

Diese Haltung ist verständlich – und gefährlich. Das Vergessen nämlich ist die Wegmarke für kriegerische Zeiten. Es herrscht Einigkeit darüber, dass sich die Terrororganisation Al-Kaida in Afghanistan nur deswegen festsetzen konnte, weil dieses Land nach dem Abzug der sowjetischen Besatzer im Jahr 1989 de facto aus unserer Wahrnehmung verschwand. Die USA hatten am Hindukusch eine Schlacht des Kalten Krieges gewonnen. Afghanistan konnte abtreten. Etwas mehr als zehn Jahre später kehrte das Land mit einem Knall auf die Weltbühne zurück. Die Attentate vom 11. September wurden von Afghanistan aus gesteuert. Als die ersten Bomber in Richtung Kabul in Marsch gesetzt wurden, hieß es: Hätten wir das Land nicht vergessen, müssten wir jetzt nicht bombardieren. Und den Afghanen versprach man: Nie wieder werden wir euch alleine lassen!

Jeder wusste, dass das ein unhaltbares Versprechen war. Die Afghanen hatten es schon zu oft gehört und dann das Gegenteil erlebt. Die Deutschen spürten, dass dieses Land doch irgendwie zu weit weg ist, um auf Dauer von Interesse zu sein. Wir sollten uns jetzt wenigstens eingestehen: Afghanistan wird im Dunkel der Geschichte verschwinden. Bis zum nächsten Knall.