Als Meryl Streep 2012 ihren dritten Oscar entgegennahm, bedankte sie sich mit den Worten: "Bei meinem Namen konnte ich halb Amerika seufzen hören: Oh no! Sie? Nicht schon wieder!" Das war natürlich ironisch gemeint. Es gab kaum jemanden, der Streep die Auszeichnung nicht gönnte.

Jürgen Osterhammel ist so etwas wie die Meryl Streep der deutschen Geisteswissenschaften. Der 62-jährige Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz ist seit Jahrzehnten im Geschäft und hat alle Preise gewonnen, die man in seinem Metier gewinnen kann: den mit über zwei Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis, den Gerda-Henkel-Forschungspreis und vor wenigen Wochen den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa – um nur die jüngsten zu nennen. Leser und Kollegen sind sich darüber einig, dass er diese Preise völlig zu Recht gewinnt. Am Donnerstag wird Osterhammel nun auf der offiziellen Feier zu Angela Merkels 60. Geburtstag die Festrede halten und so auch Menschen bekannt werden, die sich bisher nicht für Geschichte interessiert haben.

Wie schon zu ihrem letzten runden Geburtstag wünscht sich die promovierte Physikerin einen wissenschaftlichen Vortrag anstelle der sonst üblichen Lobgesänge. Damals erklärte der Neurowissenschaftler Wolf Singer den irritierten Gästen noch vor dem Diner, ihr Gehirn unterscheide sich nicht wesentlich von dem einer Schnecke. "Wir müssen uns begreifen als Teil eines evolutionären Prozesses, den wir nicht lenken können."

Ein Historiker, der den Horizont sprengt

Um die großen Prozesse geht es auch Jürgen Osterhammel, wenn auch nicht im Gehirn. Er will wissen: Wie wurde die Weltgesellschaft, was sie heute ist? Osterhammel fasziniert Politik- und Technikgeschichte ebenso wie die Geschichte der Musik. Anders als die meisten seiner deutschen Historikerkollegen findet er den Nationalsozialismus als Forschungsgegenstand nicht zwingend spannender als die Handelsgeschichte Chinas oder die kulturelle Vergangenheit der kreolischen Völker.

Osterhammels Werk sprengt den Horizont der bisherigen deutschsprachigen Geschichtsschreibung, deren beste Epochensynthesen sich meist auf die Geschichte der Nation im europäischen Zusammenhang konzentrieren – wie etwa Thomas Nipperdey es in den 1980er Jahren für das 19. Jahrhundert tat oder der Freiburger Historiker Ulrich Herbert es in seinem neuen Buch für das 20. Jahrhundert unternimmt. Osterhammel aber schreibt Weltgeschichte, und zwar ohne europäische Brille. Als Student lernte er Hochchinesisch, bereits in den frühen 1980er Jahren schrieb er eine Arbeit über den britischen Imperialismus in China. Mit seinem globalgeschichtlichen Zugang hat er in den vergangenen Jahren auch unter Nachwuchsforschern eine neue Begeisterung für vergleichende, nationale Grenzen sprengende Fragestellungen entfacht.

Sein wohl wichtigstes Buch, der 2009 erschienene Band Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, findet begeisterte Leser weit über die Fachgrenzen hinaus; fünf Auflagen hat es bislang gegeben, zudem wurde das Werk in viele Sprachen übersetzt. Der Erfolg ist auch deswegen erstaunlich, weil das Buch ein Ziegelstein ist: Das Jahrhundert verwandelt sich in kleinster Schriftart zu rund 1.600 Seiten Text. Osterhammel verzichtet darin auf die chronologische Analyse. Auch benötigt er für seine Deutung kein großes Narrativ: Ihm geht es nicht allein um Modernisierung oder die soziale Frage.

An der Grenze zwischen Geschichte und Philosophie

Vielmehr spinnt der Historiker ein dichtes Netz aus Themenkomplexen und pointierten Geschichten. So erfährt man, welche vergleichsweise geringe Wirkung die Französische Revolution jenseits von Kerneuropa hatte, wie sehr aber etwas, das er "asymmetrische Effizienzsteigerung" nennt und das mit Industrialisierungsprozessen zusammenhängt, den Erdball in reiche und arme Regionen aufteilte.

Ungewöhnlich ist dabei Osterhammels Sprache. Natürlich beherrscht der Historiker das Präteritum perfekt. Aber manchmal verlässt er es zugunsten des Präsens – wo er es tut, da kippt sein wissenschaftlicher Zugriff ins Philosophische, etwa in seiner Passage Phänomenologie des Bürgers über die Wesen, die das Stadtleben weltweit seit der Moderne prägen.

Gern erfindet Jürgen Osterhammel auch neue Wörter: etwa wenn er von "Erinnerungshorten" spricht. Indem Osterhammel den bekannten "Erinnerungsorten" ein h einhaucht, prägt er einen neuen Fachbegriff. Das Wort bezeichnet die Entstehung von Archiven, Bibliotheken und Museen – ein weltweit verbreitetes Phänomen des 19. Jahrhunderts, in dem sich ein Bedürfnis der Gesellschaften ausdrückt, ihre Vergangenheit, ihre Kultur zu kennen. "Erinnerungshorte bewahren die Vergangenheit im Aggregatzustand der Möglichkeit auf", schreibt Osterhammel und ergänzt: "Nur gehortet, also ungelesen und unangeschaut, bleibt die kulturelle Vergangenheit tot; allein im Akt des Nachvollzugs wird sie lebendig." Genau das sei der Job des Historikers.

Eine öffentliche Rolle müssen die Historiker in Osterhammels Berufsverständnis dabei nicht zwangsläufig spielen. Mit Interviews hält sich der Forscher zurück, auf Kommentare zur Gegenwartspolitik verzichtet er. Osterhammel ist die Antithese zum talkshowtauglichen public intellectual. Und auch zur Kanzlerinnengeburtstagsrede will er nicht mehr sagen als: "Meine Person ist vollkommen irrelevant."